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Zuhause ist auch sehr schön

URLAUB

Zuhause ist auch sehr schön

Türkei ist out, Nord- und Ostsee sind voll, Hawaii ist zu weit

Wird das Globale unübersichtlich und gefährlich, dann strahlt die heimische Scholle umso schöner. Was die Elbvorortler an ihrer Heimat haben, daran erinnert nachdrücklich Tim Holzhäuser

Für Sehnsuchtsvolle: Abendstimmung in Blankenese
Für Sehnsuchtsvolle: Abendstimmung in Blankenese
Die Stoßrichtung dieses Artikels ist klar, reden wir also nicht drum herum: Ich werde Ihnen jetzt den Hamburger Westen als perfektes Urlaubsziel verkaufen. Das Unterfangen erscheint schwierig, brauchen Kritiker und andere Defätisten doch nur demonstrativ den Schirm aufspannen.

Wir beginnen also mit dem Wetter und lehnen uns hierzu ordentlich aus dem Fenster: Die Wetterlage in Hamburg und überhaupt Norddeutschland ist in der warmen Jahreshälfte eine der angenehmsten, die sich auf diesem Planeten finden lässt (wahrscheinlich im gesamten Sonnensystem). Die Mär des geradezu lächerlich schlechten Hamburger Sommers ist haltlos und letztlich auf eine fehlerhafte Konditionierung zurückzuführen. Die Idealvorstellung vieler ist eine schier endlose Periode furztrockener Hitze, illuminiert von einer senkrecht stehenden Sonne. Landstriche, die solche Sommer erleben, ächzen. Das Thema auf der iberischen Halbinsel sind nicht die neuen Bademoden, sondern Waldbrände, Kreislaufkollaps, Sonnenbrand und die verdammte Siesta, die den Arbeitstag bis in die Nachtstunden verlängert.

Grün und sanft, wie ein tropischer Dschungel, aber ohne Giftspinne und Hodenfäule 
  

Für Gesellige: Imbiss am Blankeneser Bull’n 
Für Gesellige: Imbiss am Blankeneser Bull’n 
Wer sich bei Zuwanderern umhört, der erlebt natürlich auch Überraschung über einen kühlen Guss im Juli, aber letztlich sehen gerade Araber und Afrikaner die Sache positiv: Deutschland, ein geradezu paradiesisch benetztes Land. Grün und sanft, wie ein tropischer Dschungel, aber ohne Giftspinne und Hodenfäule.

Die fehlerhafte Konditionierung lässt sich besonders schön an der angeblich richtigen Sommerkleidung festmachen. Während unsere Großväter nichts dabei fanden, im Dreiteiler den Strand zu besuchen, ist jede Textilschicht über T-Shirt und Shorts heute ein großes Drama, das für Boulevard-Überschriften in 48 Punkt Schriftgröße sorgt.

Für Romantiker: Rissener Fischteiche im Klövensteen
Für Romantiker: Rissener Fischteiche im Klövensteen
Die Tatsachen: Im groben Mittel scheint in Hamburg übers ganze Jahr hinweg täglich 4,5 Stunden die Sonne. Im Juni sind es um die sieben Stunden täglich, Juli sechs Stunden. Für einen gesunden und schönen Lebenswandel im Sommer ist das absolut ausreichend: Sommer ohne ausgeblichene Locken und Erosions-Dekolletés.

Schlechtwettereinbrüche sind auf den ersten Blick bedauerlich, aber völlig normal. Sie sorgen – das wird selten gesehen – im hohen Norden für südländisches Temperament. Es ist immer wieder ein Erlebnis, welchen Sinneswandel der Hamburger durchmacht, sobald die Sonne den Nachmittag versüßt. Eine solche Ansammlung an Frohsinn und Liebenswürdigkeit wäre nicht denkbar, ohne den Kontrast des Muffelns im Nieselregen. Zu einem perfekten Urlaubsziel gehören aber nicht nur die Elegien der Lokalpresse, sondern auch harte touristische Fakten: Betrachten wir das Gebiet zwischen Wedel und Bahrenfeld mit sachlicher Offenheit, dann sehen wir einen Landstrich, wie geplant von Gartenarchitekten und einem äußerst rührigen Fremdenverkehrsamt. 

Baden in der Elbe ist keine gute Idee. Containerfrachter sind keine Gummienten …

Für Strandfreunde: Sonnenbad am Elbufer 
Für Strandfreunde: Sonnenbad am Elbufer 
Für Wasserratten: Weite mit Herz 
Für Wasserratten: Weite mit Herz 
Natürlich, die Einheimischen meckern, weil hier und da ein Wegweiser zum Treppenviertel fehlt, dabei verkennen sie die überbordende Masse an vergnüglichen und schönen Dingen. Kilometerlange Strände, weitläufige Parks, Gastronomie dicht an dicht und für jeden Geschmack. (Reizvoll wäre hier, einzelne Etablissements herauszugreifen; das führt aber erfahrungsgemäß zu heftigem Protest der Nichtgenannten). Es gibt Wanderwege, regelrechten Waldbetrieb rund um Rotwild und Wildschweine, ein Derby, eine Rennbahn, Segelclubs und einen Golfplatz.

Zeiten vor dem String: 1913 am Blankeneser Elbstrand. Wir sehen die berühmten Strohhüte „Kreissäge“ der Epoche, Westen, weiße Hemden und vergnügliches Sandburgenbauen. Im Hintergrund der Süllberg.
Zeiten vor dem String: 1913 am Blankeneser Elbstrand. Wir sehen die berühmten Strohhüte „Kreissäge“ der Epoche, Westen, weiße Hemden und vergnügliches Sandburgenbauen. Im Hintergrund der Süllberg.
Wer hier Ferien macht, kann sich entscheiden zwischen Sternehotel und Campingplatz. Er oder sie kann sich von Fritten und Bier ernähren oder von Hummer l’Armoricaine. Sie wird nicht von islamistischen Sittenwächtern genervt oder gleich in die Luft gesprengt, sondern kann sich oben ohne sonnen, kann ohne Papiertüte am Leuchtturm Bier trinken und kommt dennoch sicher nach Hause, weil das meiste fußläufig liegt. Straßenkriminalität ist, im Vergleich zur Innenstadt, allenfalls in homöopathischer Dosis vorhanden.

Eins geht allerdings nicht: In letzter Zeit sieht man immer wieder Badegäste im Elbstrom und es wird allerlei kolportiert über bessere Wasserqualität.

 Egal, ob Sie Einheimischer sind oder Gast: Baden in der Elbe ist keine gute Idee. Laut Umweltbehörde steht der Strom in Verbindung mit dem Hamburger Sielnetz. Wenn die Siele voll sind, öffnen sich Ventile und Abwasser fließt in die Elbe. Außerdem: Containerfrachter sind keine Gummienten und die Strömung überfordert auch geübte Schwimmer. Wer partout irgendwo reinspringen muss, findet im Osten Hamburgs lauschige, gut temperierte Badeseen.

Das Café Schircks, gegründet in den 20er Jahren, lag an der Blankeneser Hauptstraße und bot mit seiner decksartigen Terrasse einen idyllischen Blick auf den Strom.
Das Café Schircks, gegründet in den 20er Jahren, lag an der Blankeneser Hauptstraße und bot mit seiner decksartigen Terrasse einen idyllischen Blick auf den Strom.
Es ist überraschend, dass diese touristische Fülle überrascht. Unsere Großeltern wussten derlei, das belegen Anzeigen und Postkarten aus den Elbvororten. Wir sehen eine kultivierte Sommerfrische mit Strohhüten und Fischerbooten, sehen die hübsch illustrierte Werbung und die geradezu mondäne Gastronomie der Belle Epoque.

Ein weiteres Indiz, nach dem die Einheimischen die touristischen Qualitäten ihrer Heimat aus dem Blick verloren haben, ist auch das Fehlen von Strandkörben. Die würden sich auf der Höhe Blankenese und Wittenbergen hervorragend machen und tatsächlich gab es sie bis 1991 in der Kajüte SB12 zu mieten.

Der Süllberg in einer Reklame um 1900. Besonders hervorgehoben wird der Aussichtsturm und der eigene Dampfschiffs-Anleger.
Der Süllberg in einer Reklame um 1900. Besonders hervorgehoben wird der Aussichtsturm und der eigene Dampfschiffs-Anleger.
Wir dürfen aber zuversichtlich sein. Die Zahl der Touristen in den Elbvororten hat sich in den letzten Jahren gefühlt erhöht (man wird häufiger von Menschen in Trecking-Kleidung auf fehlende Hinweisschilder angesprochen).

Das mag vielen nicht gefallen, letztlich führt es aber zur Nachfrage nach all den Urlaubsingredienzen, die verschütt geraten sind, wie eben die Strandkörbe. Da tut sich was.

Nach dieser letzten Zeile darf ich Ihnen einen schönen Resturlaub wünschen.

Leserbriefe zum Thema haben Zeit, ich verreise nämlich morgen und sitze erst ab Mitte September wieder am Schreibtisch.

Wohin? Verrate ich nicht. Nur so viel: Miese Klima-Bilanz.
   

Autor: tim.holzhaeuser(at)kloenschnack.de 

Edeka Volker Klein

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