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WARTEN. Am Puls der Zeit

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WARTEN. Am Puls der Zeit

Verschenkte oder geschenkte Zeit? Warten kann quälen oder entspannen – je nach Umstand und Temperament. Wir schwanken zwischen Höflichkeit, Agression, die Uhr im Blick, die verschwendete Lebenszeit im Kopf. Die verschiedenen Formen des Wartens ergründet Tim Holzhäuser.

FOTO: ONEINCHPUNCH_FOTOLIA.COM
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Es gibt Dinge, die beherrschen wir ab Werk. Zumindest glauben wir es. Singen zum Beispiel, oder das Beurteilen unserer Mitmenschen mittels gesunden Menschenverstands. Oder natürlichen Charme.

FOTO: ANTON PAPULOV_FOTOLIA.COM
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Meist stimmt nichts davon. Der ungeschulte Hobby-Sänger ist eine Strafe für das musikalische Gehör. Der gesunde Menschenverstand beweist das Differenzierungsvermögen einer Cluster-Bombe und der gefühlte Charmeur? Ein Clown! Genauso ist es mit dem Warten. Menschen warten, gemessen an ihrer Lebenszeit, Monate, einige warten Jahre. Ohne zu wissen, was sie wirklich tun. Es existiert kein Wikipedia-Artikel zum Warten. Auch das zugehörige Wörterbücher gibt sich wortkarg und definiert den Begriff so: „Zeit verstreichen lassen beziehungsweise untätig sein, bis ein bestimmter Zustand eintrifft.“

Diese gewaltige Lücke füllt nun, bei aller Bescheidenheit, der KLÖNSCHNACK. Sie lernen im Folgenden die wesentlichen Formen des Wartens kennen, erhalten Handlungsanweisungen und erfahren, wer an der Warterei wirklich Schuld ist.

„Ich bin unpünktlich, weil ich die Schmerzen des Wartens nicht fühle. Ich warte wie ein Rind.“ Franz Kafka

Zunächst die verschiedenen Formen: Warten aufgrund überforderter Mitmenschen. Eine Anekdote kann hier illustrieren: Budnikowski Blankenese, 8.50 Uhr. Eine Frau legt Einkäufe auf das Laufband, Deos, Zeitungen. Der Kassierer scannt, will kassieren, aber die Kundin stoppt ihn: „Haben Sie das ‚Abendblatt’ etwa auch berechnet?“ Kassierer sieht auf, denkt „Hä?“ „Das gehört mir, das habe ich mitgebracht!“ „Und aufs Laufband gelegt?“ „Na ja, das passt eben nicht in die Handtasche!“

168 Stunden steht der Deutsche durchschnittlich in der Kassenschlange. Wenn er nicht ständig die Schlange wechseln würde, wären es weniger Stunden. FOTO: ROBERT KNESCHKE_FOTOLIA.COM
168 Stunden steht der Deutsche durchschnittlich in der Kassenschlange. Wenn er nicht ständig die Schlange wechseln würde, wären es weniger Stunden. FOTO: ROBERT KNESCHKE_FOTOLIA.COM
Kassierer bekommt einen müden Gesichtsausdruck. Der Stornoschlüssel wird gesucht, einzelne Mitglieder der Kassenschlange stellen sich bequemer hin. Irgendwann geht’s weiter. Die nächste Kundin legt Kosmetika auf das Laufband, unter anderem mehrere angebrochene Fläschchen auf denen übergroß die Worte TESTER zu lesen sind. TES-TER!

Kassierer seufzt. Bringt wortlos die Tester zurück. In der Kassenschlange entspinnen sich Freundschaften. Bei Rückkehr des Verkäufers mit den Originalen sagt die Dame: „Tja, da stand wohl kein Preis drauf?!“

Das Warten mit und aufgrund überforderter Mitmenschen vor Ladenkassen kostet den Bundesbürger jedes Jahr 168 Stunden an Lebenszeit und ist dennoch stoisch zu ertragen. Jeder Mensch füllt einmal die Rolle des Trottels aus und wird seinerseits für dieser Form der Wartezeit sorgen.

Davon zu unterscheiden ist das Warten aufgrund widriger Umstände. Auch hierzu eine Beobachtung. Einen KLÖNSCHNACK- Redakteur befällt Beklemmung. Er wartet auf ein wichtiges Paket, das überfällig ist, nun aber endlich ankommen soll. Tut es aber nicht. Anruf bei der DHL-Hotline.

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„Ein sicheres Mittel, die Leute aufzubringen und ihnen böse Gedanken in den Kopf zu setzen, ist, sie lange warten zu lassen.“ Friedrich Nietzsche
 
„Öhm, äh, öh, der Zusteller hat die Adresse nicht gefunden. Das Paket geht jetzt zurück an den Absender.“ Redakteur: „Ich sehe Ihren Zusteller vom Fenster aus. Sagen Sie dem Typen, er soll einfach in die Straße reinfahren. Ich hole ihn ab.“

„Das geht nicht. Das Paket muss jetzt zurückgeschickt werden.“ Widrige Umstände, nicht mehr. Wenn in einem Museum Putzhilfen energisch einen Picasso restaurieren, gibt’s Zerstörung; wenn Blinde bei DHL ausfahren, gibt’s überhaupt nichts. Dunkel ist nicht plötzlich hell, nur weil der Kunde bezahlt hat.

Diese Form des Wartens ist am leichtesten zu ertragen. Es gibt keinen logischen Grund für auch nur einen Pulsschlag mehr. Selbst der DHL-Vorstand kann locker bleiben. Was soll er machen? Nach Hause gehen? Ein Lied singen?

Der Durschschnittsdeutsche verbringt 38 Stunden pro Jahr im Stau. Bezogen auf Hamburg dürfte der Wert um einiges höher liegen. FOTO: DISQ_FOTOLIA.COM
Der Durschschnittsdeutsche verbringt 38 Stunden pro Jahr im Stau. Bezogen auf Hamburg dürfte der Wert um einiges höher liegen. FOTO: DISQ_FOTOLIA.COM
Wer in einer Hotline festhängt und nur mit renitenten Computern zu tun hat, kann zu einem Trick greifen: Brabbeln. Wenn der Computer nichts mehr versteht, vermutet er einen Menschen mit Sprachfehler und stellt zu einem Menschen durch. FOTO: ALPHASPIRIT_FOTOLIA.COM
Wer in einer Hotline festhängt und nur mit renitenten Computern zu tun hat, kann zu einem Trick greifen: Brabbeln. Wenn der Computer nichts mehr versteht, vermutet er einen Menschen mit Sprachfehler und stellt zu einem Menschen durch. FOTO: ALPHASPIRIT_FOTOLIA.COM
Eine Qual ist dagegen das Warten auf Frauen. Ausnahmsweise ist es recht gut erforscht, unter anderem in dem Buch „Warten auf Frauen: Eine Liebeserklärung an einen untragbaren Zustand“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf). Der Untertitel sagt eigentlich alles: Der Mann liebt die jeweilige Frau, möchte sie beim Warten vor der Badezimmertür aber permanent erwürgen. Dieser Zwiespalt löst bei zivilisierten Menschen Stress aus. Der Autor des Buches, Moritz Petz, hat ermittelt, dass Männer etwa ein Jahr auf ihre Frauen warten. Bei ohnehin schon kürzerer Lebenserwartung.

Die Handlungsanweisung für das Warten auf Frauen ist dieselbe wie bei Geiselnahmen und Exekutionen. Auf die Atmung konzentrieren, an etwas Schönes denken, relativieren.

Eine Freude ist hingegen das Warten auf ein sicher eintretendes Ereignis. Es gibt Menschen, deren Sommerurlaub dauert nur zwei Wochen – aber er beginnt im Januar, gleich nach der Flugbuchung und endet mit dem Nachhausekommen im August. Diese Vorfreude ist meist intensiver als das tatsächliche Erlebnis. Sie lässt sich immer wieder anfachen durch Tagträume, Retsina oder Lektüre von Reiseführern.

„Dynamisch warten! Aktiv sitzen! Entschlossen schlafen!“ Grafitto

Wobei das eine Frage aufwirft: Ist das Warten mit Sprit und Buch überhaupt noch Warten? Das Wiktionary fordert ja: „Untätig sein, bis ein bestimmter Zustand eintrifft.“ Auch der Duden bekräftigt dies: „ausschauen, aufpassen, erwarten.“

Bei Inlandsflügen dauerte das Ein- und Auschecken nicht selten länger als der Flug selbst. Linderung verspricht das Einchecken am Vortag. FOTO: OLEKSII NYKONCHUK_FOTOLIA.COM
Bei Inlandsflügen dauerte das Ein- und Auschecken nicht selten länger als der Flug selbst. Linderung verspricht das Einchecken am Vortag. 

FOTO: OLEKSII NYKONCHUK_FOTOLIA.COM
Das Warten auf Frauen ist eine der gut erforschten Formen des Wartens. Männer leiden hier am meisten. FOTO: NYUL_FOTOLIA.COM
Das Warten auf Frauen ist eine der gut erforschten Formen des Wartens. Männer leiden hier am meisten. FOTO: NYUL_FOTOLIA.COM
Die beiden Nachschlagewerke liegen falsch und sollten geändert werden. Es gibt nämlich auf dieser Welt kein Wartezimmer, in dem nicht unablässig gelesen wird. Auch die seltener werdenden Wartesäle im Bahnverkehr sind Lesestuben. Ob es nun Bücher sind oder Online-Inhalte, spielt kaum eine Rolle. Seit dem Aufkommen des Smartphones wird selbst in kurzen Warteschlangen gelesen.

Die nächste Form des Wartens ist das Zuwarten. Wir können es übergehen, weil es Bürokratendeutsch für den Terminus Warten an sich ist.

Gehen wir über zum Warten aufgrund sadistischer Veranlagung. Hierunter verbirgt sich der Begriff der suspense, geprägt von Alfred Hitchcock. In einer Filmszene sitzen zwei Menschen um einen Tisch und unterhalten sich. Wir sehen unter dem Tisch eine Bombe mit Zeitzünder und eine Uhr: fünf vor zwölf.

So was ist spannend, gradezu lustvoll. Wir wollen das verdammte Ding hochgehen sehen, aber nicht sofort. Langsam, ganz laaangsam! Es gibt eine ganze Gattung von Kurzfilmen dazu, die so genannten „fails“. Wir sehen sie und wissen, es wird etwas Peinliches oder Schmerzhaftes passieren und der Gaffer in uns will es sehen.

Dieses sadistische Warten ist kurzfristig fesselnd, ermüdet langfristig aber enorm und erodiert den Charakter. Wer keine Karriere in der Lagerleitung anstrebt, wendet es allenfalls in homöopathischen Dosen an.

Kommen wir nun zum Lauern. Auch hierunter verbirgt sich eine Form des Wartens. Wir warten, bis das Opfer in einer schwachen Position, der König schachmatt ist. Verkäufer kennen das. Sie dürfen nicht zu schnell agieren, sonst gelten sie als penetrant und klebrig.

Auch Singles in Bars lauern, bis das Ziel der Begierde besoffen genug ist oder in Torschlusspanik verfällt und abgeschleppt werden will. Beim Lauern verrät sich das Temperament eines Menschen am ehesten. Es gibt Zeitgenossen, denen ist es schlicht unmöglich auch nur 20 Minuten zu lauern. Ihrer Ungeduld verdanken sie schwere Kämpfe, aber immerhin ist immer etwas los! Andere verbringen mühelos ihr ganzes Leben in Lauerstellung. Nichts geschieht, nichts rührt sich …

Warten auf das Ende
. Das kann eine furchtbare Sache sein, etwa beim nahenden Ende einer tödlichen Erkrankung. Seit Entwicklung der Palliativmedizin ist es aber seltener geworden. Der Hamburger wartet auf das Ende in der Staatsoper, im Thalia- Theater oder inmitten eines Kampnagel-Infernos. Auch hier ist die Sache schmerzhaft, da der Hintern bei unwilligem Hirn doppelt wehtut. Hinzu kommt quälender Durst. Der Sessel wird zur Wüstenei, in jeder Beziehung. Deutsche sehen sich verpflichtet diese Form des Wartens in der Kulturertragungsstarre durchzustehen, so wie sie auch jedes angefangene Buch auslesen. Handlungsempfehlung hier: Ertragen Sie. Die Welt ist keine Diashow.

Zum Schluss also noch eine kleine Beobachtung. Sie gibt uns einen Hinweis auf den eingangs erwähnten Verursacher. Es war nicht mehr als eine Edding-Schrift auf einer öffentlichen Toilette. Dort stand innen auf der Tür:

Komme gleich wieder – Godot
.

Autor: tim.holzhaeuser(at)kloenschnack.de

Sven Goik

Über Hamburger Klönschnack

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