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„Time to Say Goodbye“

TRAUERFEIERN 

„Time to Say Goodbye“

Emotionen, Erinnerungen und Abschied – die Hits auf der Trauerfeier
 

Georg Friedrich Händel, FOTO: © STESCHUM_FOTOLIA.COM
Georg Friedrich Händel, FOTO: © STESCHUM_FOTOLIA.COM
Wird gern genommen: Johann Sebastian Bach, FOTO: © JAMROOFERPIX-FOTOLIA.COM
Wird gern genommen: Johann Sebastian Bach, FOTO: © JAMROOFERPIX-FOTOLIA.COM
Edvard Grieg, FOTO: © SEREGAYU-FOTOLIA.COM
Edvard Grieg, FOTO: © SEREGAYU-FOTOLIA.COM

Eine Trauerfeier ist ohne Musik kaum vorstellbar. Selbst im kühlen Norden wählen Menschen mitunter bereits Jahre vor ihrem Tod die Musik aus oder überlassen diese Aufgabe ihren Angehörigen. Während in der Vergangenheit Orgelklänge dominierten, ist heute alles möglich. Ein Betrachtung von Tim Holzhäuser.

Ziehen Sie das bitte nicht ins Lächerliche“, sagt Nils Seemann, Geschäftsführer des Bestattungsinstituts Seemann & Söhne in Blankenese. „Es sind die Wünsche von Verstorbenen, die müssen wir respektieren.“

Versprochen!
Worum es geht? Um James Last und Johann Sebastian Bach, Xavier Naidoo, Freddy Quinn und letztlich um die Frage: Was tun Menschen, wenn es nicht mehr darauf ankommt, wenn Konsequenzen des eigenen Handelns nicht mehr zu erwarten sind, wenn das Lästern der Nächsten keine Rolle mehr spielt? Sie tun das, was sie wirklich wollen. Sie sind ehrlich. Wer mit dem eigenen Tod konfrontiert wird und Gelegenheit erhält, die Musik für die Trauerfeier selbst auszusuchen, der muss sich nicht allzusehr mit dem Geschmack und den Erwartungen seiner Mitmenschen belasten.

Die Form zu wahren ist wichtig bei einer Trauerfeier. Unpassendes Verhalten kann das Unbehagen verstärken. FOTO: © KZENON-FOTOLIA.COM
Die Form zu wahren ist wichtig bei einer Trauerfeier. Unpassendes Verhalten kann das Unbehagen verstärken. FOTO: © KZENON-FOTOLIA.COM
Das war nicht immer so. Trauerfeiern sind Tradition. Über Jahrhunderte verliefen sie in den engen Bahnen einer tendenziell konservativen Gesellschaft: kirchliche Orgelmusik zu Beginn, Klassisches von Bach oder Grieg zum Gedenken und wieder die Orgel zum Auszug. Schlager oder gar Jazz wären vor dem Zweiten Weltkrieg auf einer Trauerfeier hochgradig exotisch gewesen.

Aus heutiger Sicht mag das engstirnig erscheinen. Für unsere Großeltern bot ein klassisch-feierlicher Musikkanon jedoch nicht weniger als einen festen Halt. Gerade die Älteren, die sich gezwungen sahen, immer mehr und mehr Trauerfeiern beizuwohnen, hatten die Melodien im Ohr. Stücke aus dem evangelischen Gesangsbuch erinnerten an Gottesdienste und schlossen so einen großen Kreis um Taufe, Konfirmation, unzählige Sonntage und schließlich den Tod. Darüberhinaus bot der musikalische Kanon Sicherheit vor geschmacklichen Entgleisungen und stümperhaften musikalischen Darbietungen. Stücke wie das „Ave Maria“ oder „So nimm denn meine Hände“ schufen letztlich eine tiefe Gemeinsamkeit. Jeder konnte sie mitsingen oder summen, jeder konnte sich einen Moment lang an den gewohnten Harmonien festhalten.

Bestatter Nils Seemann aus Blankenese: „Musik ist wichtig, Musik trägt.“
Bestatter Nils Seemann aus Blankenese: „Musik ist wichtig, Musik trägt.“
Tempi passati: Zwar werden Stücke wie das „Ave Maria“ oder das „Air“ von Bach auch heute noch häufig auf Trauerfeiern gespielt, aber eben nicht ausschließlich. Heute werden Bestatter nicht selten mit dem Wunsch nach keiner Orgel konfrontiert. Gewünscht wird stattdessen ein bunter Mix aus allen Epochen, Stilen, Ländern, ohne große Berührungsängste.

So erklingt Hardrock von AC/DC durchaus auch auf Wunsch Verstorbener. Weit oben hier der Titel „Hells Bells“, aber Trauergäste berichten auch von „Highway to hell“. Angesichts einer sich immer weiter diversifizierenden Musikszene ist eines jedoch überraschend: Die Individualität im Trauerfall kennt Grenzen. Aktueller Chart-Terror fehlt völlig. Sterbende und Angehörige, so die Beobachtung, erkennen musikalische Eintagsfliegen und meiden sie. Es wäre übertrieben von einem neuen Kanon der Trauermusik zu sprechen, tatsächlich aber hat sich ein Repertoire herausgebildet. Es vereint Titel, die bewiesen haben, dass sie mindestens so haltbar sind wie ein Eichensarg. Musik aus dem Film „Doktor Schiwago“ gehört ebenso dazu wie Evergreens von Elvis Presley. Moderne Opernsänger wie Andrea Bocelli schmettern „Time to Say Goodbye“ oder „Memory“ aus dem Musical „Cats“. Die Beatles konkurrieren mit Frank Sinatras „My Way“ und mit Kinderliedern, die nicht nur bei den Gästen für ein bezaubertes Lächeln sorgen. „Das finde ich auch immer schön“, erzählt Bestatter Michael Schütt aus dem Hause Seemann. „Der Mond ist aufgegangen!“

Frank Sinatra, FOTO: WIKIMEDIA COMMONS
Frank Sinatra, FOTO: WIKIMEDIA COMMONS
Elvis Presley…, FOTO: OLLIE ATKINS / PUBLIC DOMAIN_WIKIMEDIA COMMONS
Elvis Presley…, FOTO: OLLIE ATKINS / PUBLIC DOMAIN_WIKIMEDIA COMMONS
und The Beatles, FOTO: VARA _WIKIMEDIA COMMONS
und The Beatles, FOTO: VARA _WIKIMEDIA COMMONS
Dieses Repertoire erweitert sich – nicht unbedingt durch musikalische Moden, als vielmehr durch Ereignisse, die Menschen als epochal empfinden. Elton Johns „Candle in the Wind“ galt über Jahrzehnte als Schnulze ohne großes Potenzial – bis der Brite das Stück 1997 zur Trauerfeier von Prinzessin Diana sang. Seitdem ist es auch in Hamburger Kapellen in der hot rotation. Häufig demonstrieren die gewählten Stücke ein letztes Mal Verbundenheit zu einem Landstrich, so zum Beispiel das Ostpreußenlied „Land der dunklen Wälder“, das von ehemaligen Vertriebenen häufig gewünscht wird. Hamburger Lokalpatrioten wählen „Hamburg, meine Perle“ von Lotto King Karl, Fußballfans die Hymne des je – weiligen Vereins. Beim verblichenen General kommt mitunter ein Marsch zum Einsatz, beim Jäger das entsprechende Liedgut..

„... bleibt die Frage, für wen die Musik wirklich spielt ...“  FOTO: © HAITAUCHER39-FOTOLIA.COM
„… bleibt die Frage, für wen die Musik wirklich spielt …“  
FOTO: © HAITAUCHER39-FOTOLIA.COM
Regelrechte Entgleisungen („Ding-dong, the whitch is dead!“) kommen angeblich nicht vor oder aber die Bestatter wollen sich hierzu nicht äußern. Überhaupt hält sich Nils Seemann mit der Bewertung einzelner Titel merklich zurück. Selten rät er ausdrücklich von einem Titel ab. Andererseits: „Wenn jemand unbedingt ‚Junge, komm bald wieder’ spielen will, dann frage ich ihn schon, ob er das für eine gute Idee hält.“

Auch wenn Angehörige eine buchstäbliche Totenstille anregen, interveniert Seemann.

Wer hört alles zu?  FOTO: © JAMROOFERPIX-FOTOLIA.COM
Wer hört alles zu?  
FOTO: © JAMROOFERPIX-FOTOLIA.COM
„Musik hat etwas Tröstendes.“ Menschen könnten bei Musik eher loslassen, könnten der Trauer eher freien Lauf lassen und auch heilsame Tränen tolerieren.

Musiker und auch Produzenten müssen bei den Stücken für Trauerfeiern einige Besonderheiten beachten.

„Die wichtigste ist die Reduktion des Stückes auf die Hauptmelodie. Gewünscht werden pro Stück vier bis fünf Minuten Spieldauer, sechs werden gerade noch toleriert. Bei acht Minuten entsteht das Gefühl, ein Konzert zu besuchen, also Teil einer äußerst unpassenden Szenerie zu sein.

Dementsprechend sind im Handel CDs erhältlich mit Ausschnitten aus einschlägigen Stücken. Musiker benötigen häufig gekürzte Partituren, werden bei Trauerfeiern aber generell immer seltener gebucht. Ein Umstand, den Bestatter wie Nils Seemann bedauern, der aber angesichts des verblichenen Kanons nicht zu ändern ist.

Häufig spielen Musiker auch am offenen Grab FOTO: © DAN RACE-FOTOLIA.COM
Häufig spielen Musiker auch am offenen Grab
FOTO: © DAN RACE-FOTOLIA.COM
In Zeiten Googles ist es dabei so einfach wie nie zuvor, auf Trauerfeiern spezialisierte Musiker zu finden. Auch die Angehörigen großer Orchester, wie dem NDR Sinfonieorchester, spielen bei angemessenen Gagen auf Trauerfeiern. Letztlich bleibt die interessante Frage, für wen Musik auf Trauerfeiern wirklich spielt. Vordergründig für die Hinterbliebenen, als Erinnerungen (und für die GEMA als Einnahmequelle – Bestatter führen Beiträge ab). Vielleicht ist es hier und da aber auch der Wunsch des Verstorbenen, das letzte Wort zu behalten.

Ein stadtbekannter Pessimist etwa, der nach einem eher widerwilligen Abgang trällern lässt „I’ve Got the World on a String!“ (sinngemäß: Ich habe alles im Griff), der wird seinen eigenen Ruf posthum noch um 180 Grad drehen können.

Autor: tim.holzhaeuser(at)kloenschnack.de

www.abschiedstrauer.de

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