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Klimawandel: Vom Szenario zur Realität

UMWELT UND ENGAGEMENT

Klimawandel: Vom Szenario zur Realität

Energiewende und Nachhaltigkeit

Gesprächsteilnehmer einer Fahrradtagung des Zukunftsforums in Blankenese, im Januar 2015 FOTO: ARTUR SOBOWIEC
Gesprächsteilnehmer einer Fahrradtagung des Zukunftsforums in Blankenese, im Januar 2015
FOTO: ARTUR SOBOWIEC

Der Ton wird drängender. Angesichts einer dramatischen Zunahme an extremen Wetterereignissen stellen sich selbst in den USA Aktivisten und Politiker einem gefährlichen Konglomerat aus Propaganda und Desinformation entgegen und drängen auf ein Begrenzen der globalen Erwärumung.

CO2-Ausstoß und Nachhaltigkeit sind jedoch nicht nur auf internationalen Konferenzen Thema, sondern immer mehr auch in Hamburg. Eine wichtige Initiative ist das Zukunftsforum Blankenese e.V.

Wir sollten uns fragen, ob unsere Erde nicht doch flach ist. Ernsthaft. Denken Sie an vermisste Schiffe und Flugzeuge, an die spurlos verschwundenen Geschäftsleute und Sektenführer. Die könnten über den Rand gefallen sein, was den Schluss nahelegt, dass wir eben doch auf einer Scheibe leben.

Was bringt Menschen im Jahr 2015 dazu, an einem menschengemachten Klimawandel zu zweifeln? Die Datenlage ist erdrückend. Forschungsinstitute publizieren seit Jahrzehnten eine Flut von Messungen, die auf eine starke Erwärmung des Klimas noch in diesem Jahrhundert hinweisen und auch auf den kausalen Zusammenhang zu CO2-Emissionen.

Dagegen stehen Verschwörungstheorien auf dem Niveau des einleitenden Beispiels sowie kurzfristige Wetterkapriolen, wie kalte Winter. Wer sich nun auf die Seite von Verschwörung und Kapriole schlägt, kann das mit logischen Schlüssen schwerlich begründen, allenfalls mit Psychologie. In Deutschland den Klimawandel zu leugnen, ist eine peinliche Nummer, lässt sie doch Rückschlüsse auf die eigene Geistesverfassung zu.

„Wir haben die besondere Verantwortung, die Menschen vor Emission zu schützen.“

Harris Tiddens, Geschäftsführer des Zukunftsforums und Autor von „Wurzeln für die lebende Stadt“ während eines Vortrags
Harris Tiddens, Geschäftsführer des Zukunftsforums und Autor von „Wurzeln für die lebende Stadt“ während eines Vortrags
In Ländern wie den USA stellt sich dies, folgt man der Darstellung der kanadischen Aktivistin Naomi Klein, leider anders dar. In Zusammenhang mit ihrem Buch „Die Entscheidung – Kapitalismus vs. Klima“ (S. Fischer), berichtet Klein auf einer fundierten Basis von milliardenschweren Desinformationskampagnen der Energiekonzerne. Daneben stehen Nachrichten von bizarren Entscheidungen, wie jene im dürregeplagten Kalifornien, wo eine Mehrheit von Senatoren über den Klimawandel abstimmte.

Szenenwechsel. Hamburg-Blankenese, 21. Januar 2015. Wir sehen Pastor Helmut Plank auf einem E-Fahrrad vor der Kirche herumradeln und das im Dienst des „Zukunftsforum Blankenese“, eines Vereins, der nicht weniger leisten will als „lokale Beiträge zu einer Erde im Gleichgewicht“ (www.zukunftsforum.blankenese. de). Planck will ein Zeichen setzen und zwar in einem Stadtteil, dessen SUV-Muttis in ganz Hamburg kabaretttaugliche Bekanntheit erlangt haben.

Zweiter Szenenwechsel: Altona, Hafenterminal, 7. November 2014. Wirtschaftssena – tor Frank Horch steht vor einer neuen Landstromanlage, mit der Kreuzfahrtschiffe am Kai versorgt werden sollen. Rußende Schiffsdiesel sind im Stadtgebiet nicht mehr sonderlich populär, das hat auch der ehemalige Präses der Handelskammer erkannt. „Wir haben die besondere Verantwortung, die Menschen vor Emission zu schützen“, sagt Horch.

Susanne Opatz (Mitte), Vorstandsmitglied des Zukunftsforums, auf einer Veranstaltung im Januar 2015 FOTO: ARTUR SOBOWIEC 
Susanne Opatz (Mitte), Vorstandsmitglied des Zukunftsforums, auf einer Veranstaltung im Januar 2015 FOTO: ARTUR SOBOWIEC 
Vorausgegangen war ein jahrelanges Hin und Her zwischen Bürgern, die ihre Atemluft gerne ungiftig hätten und Vertretern der maritimen Wirtschaft, die angesichts dieses Anliegens allen Ernstes von Wettbewerbsnachteilen und technischen Hürden faselten.

Hier hat die Vernunft gesiegt. Es dürfte eine Zeitfrage sein, bis Containerfrachter in Hamburg ans Stromkabel kommen.

Letzter Szenenwechsel: Indien, Januar 2015. Energieminister Piyush Goyal kündigt an, den Kohleabbau Indiens in den kommenden fünf Jahren zu verdoppeln. Kritikern hält Goyal entgegen: „India’s development imperatives cannot be sacrificed at the altar of potential climate changes many years in the future …“ Geplant ist eine Steigerung von 565 Millionen Tonnen pro Jahr auf über eine Milliarde Tonnen im Jahr 2019 (zum Vergeich: Die USA fördern jährlich eine Milliarde Tonne Steinkohle, Deutschland etwa 15 Millionen Tonnen).

Polemisch könnte man nun schreiben: „Planks E-Fahrrad gegen eine Milliarde Tonnen Steinkohle“ und dann fragen: „Was soll das Theater?“ Harris Tiddens, Sinologe und ehemaliger Wirtschaftskorrespondent der niederländischen Presse in Bonn, der die KLÖNSCHNACKRedaktion im März 2015 besucht, tippt auf ein Thesenpapier des Zukunftsforums und bekräftigt: „Think global – act local. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat darauf hingewiesen: Jede einzelne Zelle im Körper ist schwach und unbedeutend. Wenn aber alle diese Zellen eine koordinierte Reaktion zustande bringen, können wir Krankheiten über unser Immunsystem abwehren.“

Die berühmte „Keeling-Kurve“, benannt nach dem Wissenschaftler Charles Keeling. Die Kurve gilt als Beleg für den menschengemachten Anstieg der Treibhausgase. Der Jahreszyklus ist auf die saisonale Schwankung der Kohlendioxidaufnahme der Pflanzen am Festland zurückzuführen. (Quelle: Wikipedia)
Die berühmte „Keeling-Kurve“, benannt nach dem Wissenschaftler Charles Keeling. Die Kurve gilt als Beleg für den menschengemachten Anstieg der Treibhausgase. Der Jahreszyklus ist auf die saisonale Schwankung der Kohlendioxidaufnahme der Pflanzen am Festland zurückzuführen. (Quelle: Wikipedia)
Und so macht das Zukunftsforum unter dem Vorstand von Tiddens, Helmut Plank, Susanne Opatz und anderen unverdrossen weiter. Nach der Gründung 2009 durch Mitglieder der evangelischen Gemeinde Blankenese folgte 2011 die erste Diskussion über eine Neugestaltung des Ortskerns in Blankenese. Ziel des Zukunftsforums ist hier eine gemeinschaftliche Nutzung insbesondere des Marktplatzes, ohne die derzeitige Blechlawine.

Es folgten Veranstaltungen wie der Energietag am 22. Februar 2014 mit Vorträgen zu Energieversorgung und energetischer Stadtsanierung. Das Problem hier sind fehlende Daten. Zwar existieren Zahlen zum Energieverbrauch für die Stadt Hamburg und für die einzelnen Stadtteile, aufgearbeitet wurden sie bisher aber nur für Pilotprojekte, wie etwa die „Energetische Stadtsanierung Bergedorf- Süd“, die den Primärenergiebedarf des Stadtteils bis zum Jahr 2030 um etwa 50 Prozent gegenüber 1990 senken soll.

Etwas ähnliches wäre auch für Blankenese denkbar, Daten und Know-how vorausgesetzt. Eine Gründerzeitvilla benötigt aller Voraussicht nach völlig andere Sanierungsmaßnahmen als eine typische Bauform in Bergedorf.

Helmut Plank auf dem E-Bike
Helmut Plank auf dem E-Bike
Ein weiterer Schwerpunkt in den Bemühungen des Zukunftsforums ist, wie bereits angedeutet, die Mobilität. In Blankenese ist Radfahren trendy, aber es fehlt an Infrastruktur. Dies war auch das Ergebnis einer Tagung des Zukunftsforums am 21. Januar 2015. Unter den Gästen befand sich der Holländer Cor van der Klaauw, von 2008 bis 2014 Verantwortlicher für den Fahrradverkehr in Groningen (198.000 Einwohner), einer Stadt, die seit den 70er-Jahren auf das Fahrrad setzt und damit gute Erfahrungen gemacht hat. Die Holländer lassen sich diese Förderung etwa vier Millionen Euro pro Jahr kosten, zirka 20 Euro pro Einwohner.

Zum Vergleich, der Bezirk Altona mit 260.000 Einwohnern verfügt über ein Budget zur Förderung des Radverkehrs von 218.000 Euro. Das entspricht nicht einmal einem Euro pro Bürger und zeigt eindrucksvoll, welchen Stellenwert die Politik dem Radverkehr einräumt.

„Es sind diese Diskrepanzen, die Aktivistinnen wie Naomi Klein dazu bringen, radikaler zu denken …“

Konträr dazu informiert die Stadt mit Verve und Engagement auf www.hamburg.de über die Vorteile des Radverkehrs – so erzeugten etwa zwei Euro Investition in den Radverkehr eine Ersparnis von fünf Euro im Gesundheitssystem. Es sind diese Diskrepanzen, die Aktivistinnen wie Naomi Klein dazu bringen, radikaler zu denken und letztlich die Systemfrage zu stellen (die in den Hamburger Debatten so nicht vorkommt). Naomi Kleins Buch „Die Entscheidung – Kapitalismus vs. Klima“ hat nicht zuletzt ein gewaltiges Echo erzeugt, gerade weil die Autorin unser Wirtschaftssystem als Killer beschreibt. Die Dynamik einer kapitalistischen Wirtschaft fördert laut Klein das exakte Gegenteil von Nachhaltigkeit und degradiert die Bemühungen, wie die des Zukunftsforums, zu einer völlig wirkungslosen grünen Folklore.

Nötig sei vielmehr ein radikales Umdenken. So sagte sie dem Magazin „Der Spiegel“ (Nr. 9/2015): „Das System, in dem wir leben, hat eine Wachstumsobsession, es hält Wachstum grundsätzlich für gut. Aber das ist es nicht.“

Fortsetzung folgt. So oder So.

Autor: tim.holzhaeuser(at)kloenschnack.de

www.zukunftsforum.blankenese.de

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