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GASTKOLUMNE – Zum Urlauben nach Hamburg …

MEINE MEINUNG

Zum Urlauben nach Hamburg …

JOST DEITMAR Alles über Heimat 

„Zu Hamburg gehören Bilder, Erinnerungen, Düfte, Gerüche, Geschmäcke. Die fallen nicht vom Himmel.“
„Zu Hamburg gehören Bilder, Erinnerungen, Düfte, Gerüche, Geschmäcke. Die fallen nicht vom Himmel.“
Wer beruflich von Hamburg nach Bayern wechselt, entdeckt schnell den Begriff Heimat. Für den gebürtigen Münsterländer Jost Deitmar Anlass genug, über denselbigen hier einmal nachzudenken. 

Zugegeben – so wirklich leicht kommt meiner Generation das Wort „Heimat“ nicht über die Lippen. Da haben die Nazis ganze Arbeit geleistet. In den 1950ern strickten tümelnde Filme an diesem Idyll weiter. Und wir als moderne Kosmopoliten wollten dann doch lieber in einem offenen Europa zu Hause sein, als Deutschland als Heimat zu betrachten.

Vielleicht musste meine Generation erst in die Jahre kommen, um sich gelassen in einer Heimat verankert zu fühlen, um bei einem hanseatischen Bild zu bleiben. Vielleicht empfinden wir Heimat auch erst, wenn wir sie verlassen haben oder etwas beziehungsweise jemanden verloren haben, der für uns unabdingbar zu unserem Heimatgefühl gehörte.

Ob man nun gewollt oder gezwungenermaßen aus seiner Heimat weggeht – ein wenig muss man aufpassen, dass man die alte Heimat angesichts von Anpassungsschwierigkeiten in der neuen Heimat nicht glorifiziert. Heimat kann so viel sein. Der Geschmack von Fischbrötchen oder der Geruch der Elbe bei Niedrigwasser. Heimat kann genauso durch den Magen gehen wie Liebe. Heimat kann veränderlich sein. Home is where the heart is. Und das Herz kann Segel setzen, auf Reisen gehen, neue Küsten entdecken und gleichzeitig die Erinnerungen und die mit der Heimat verbundenen, starken Gefühle bewahren. Das macht uns dann ab und an sehnsüchtig.

Heimat finden wir dort, wo wir uns wohlfühlen, wo Familie und Freunde sind, wo die Leute über die gleichen Scherze lachen, wo wir die Wege und Abläufe kennen. Wenn wir neu irgendwo anlanden und ankern, dann dauert es lange Zeit, bis ein unbekannter Ort uns vertraut wird. Wer in der Hotellerie arbeitet, muss die Heimat im Herzen tragen, weil er die Wohn- und Arbeitsorte öfters wechselt. In Hotels arbeiten Migranten und Geflüchtete, Menschen, die gewollt oder gezwungenermaßen ihre Heimat verlassen haben und vielleicht nie wieder sehen. Die Begegnungen mit Menschen aus der ganzen Welt, ihre Erzählungen von ihrer Heimat haben meinen Horizont weiter werden lassen, beleben meine Neugier auf die Welt.

Jost Deitmar: „Noch fehlt mir all das Private, Bekannte, Vertraute, mein Lions Club, all das, was in Hamburg mein Leben bereichert …“  



Und doch: Meine Heimat ist und bleibt Hamburg. Zu meinem Geburtsort Emsdetten habe ich kaum noch eine Bindung. In Hamburg, meiner Wahlheimat, habe ich den wichtigsten Teil meines Lebens verbracht, hier habe ich meine Familie gegründet, hier habe ich meine Freunde und Bekannten, mit denen ich Interessen und Lebensgeschichte teile, mich spontan auf einen Spaziergang oder ein Glas Wein verabreden kann. Zu Hamburg gehören Bilder, Erinnerungen, Düfte, Gerüche, Geschmäcke. Die fallen nicht vom Himmel, die habe ich in Jahrzehnten gesammelt.

Ich mag die Hamburger Art. Ich mag, wie sich die Hamburger kleiden, wie sie reden, wie sie die Welt sehen. Ich mag das kosmopolitische Lebensgefühl in der Großstadt, das mondäne und lässige Leben, ab und an die Chance, in coolen Bars die Nacht zum Tag machen zu können. Aber ich mag auch das Kontrastprogramm in der Kleinstadt Bad Aibling. Nach Einschlägen/Umbrüchen in meinem Leben habe ich ja einen großen Kurswechsel vollzogen und bin von einem Ende der Republik ans andere umgesiedelt. Jetzt wohne ich da, wo ich früher gern Urlaub gemacht hätte. Und zum Urlauben fahre ich nach Hamburg. Das geht gut zusammen.

Ich genieße, dass ich mitten in der Kleinstadt wohne, gegenüber vom Rathaus. Ich brauche kein Auto. Wenn ich aus meinem Schlafzimmerfenster schaue, sehe ich die Berge. In Hamburg habe ich auf die Elbe geblickt. Beides ist schön.

Ich entdecke in Bayern vieles, was ich so bisher nicht kannte. In Bad Aibling erlebe ich, dass viele junge Menschen gar nicht weg wollen. Selbstbewusst reden sie von ihrer Heimat, wo sie ihren sozialen Mittelpunkt haben. Und sie tun etwas für ihre Heimat: Sie engagieren sich in Vereinen, pflegen Traditionen, sind sich ihrer Geschichte gewahr, sprechen ganz selbstverständlich bayerisch. Das ist in Hamburg anders. Wer spricht denn dort noch Platt? In Bayern ist all das stark verankert. Das ist den Leuten wichtig. Es gibt sogar ein bayerisches Heimatministerium. Das finde ich toll. Hier geht es nämlich nicht um Weißwurst und Lederhosen, sondern um die Entwicklung des Landes, um den Erhalt der Kulturgüter – etwas, das den Bayern sehr am Herzen liegt, wie ich feststelle.

Wurzeln zu haben und Wurzeln zu schlagen – das ist für Menschen unglaublich wichtig. Ich habe in Hamburg Wurzeln geschlagen und meine Flügel gen Süden ausgebreitet. Ich fühle mich wohl in Bayern. Aber ob ich in Bad Aibling jemals heimisch werde, das hängt vor allem mit dem sozialen Netzwerk zusammen, ob ich auch hier Freunde finde, eine Beschäftigung außerhalb meiner Arbeit, der Hotellerie. Noch fehlt mir all das Private, Bekannte, Vertraute, mein Lions Club, all das, was in Hamburg mein Leben bereichert. Das kann dauern. Noch bin ich ein einsamer Wolf in Oberbayern. Eine Garantie auf Heimat gibt es nicht, aber eine auf großartige neue Erfahrungen. In diesem Sinne: auf nach Oberbayern, liebe Hamburger, besucht mich im Hotel Lindner in Bad Aibling.

Jost Deitmar

Über Hamburger Klönschnack