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Der Architekt 

GESCHICHTE

Der Architekt 

Zwischen Hitler und Onassis 

Cäsar Pinnau polarisiert. Den einen gilt er als Opportunist, als willfähriger Baumeister des NS-Staats, den anderen als außergewöhnliches Talent. Tatsächlich war Pinnau ein wandelbarer Geist, der von einer grundlegenden Prämisse jedoch nicht abwich. 

1953: Aristoteles Onassis’ Salon auf seiner Yacht Christina, entworfen von Cäsar Pinnau FOTO: HAMBURGISCHESARCHITEKTURARCHIV  
1953: Aristoteles Onassis’ Salon auf seiner Yacht Christina, entworfen von Cäsar Pinnau 

FOTO: HAMBURGISCHESARCHITEKTURARCHIV  
Arbeitsplätze sind verräterisch. Sie flüstern dem Besucher unweigerlich die ersten Hinweise über denjenigen zu, der dort wirkt. Der Architekt Cäsar Pinnau (1906 bis 1988) saß an einem klassizistischen Schreibtisch, einen Ölschinken im Rücken. Über seinem Kopf wölbte sich in schwindelnder Höhe ein römischer Bogen, gleichzeitig der Rahmen für eine Steinbüste des Architekten Karl Friedrich Schinkel. Das Ensemble illuminierte ein zentnerschwerer Kronleuchter und dann endlich, in etwa sechs Meter Höhe, die Decke. Auf dem Boden Perser, an den Wänden Kandelaber, in der Luft die tiefe Sehnsucht nach Größe, Erhabenheit, nach der Überwindung alles Profanen.

Wer nun in dieser Schilderung Übertreibung vermutet, kann sich in der Ausstellung „Cäsar Pinnau – Zum Werk eines umstrittenen Architekten“ überzeugen, die derzeit im Altonaer Museum zu sehen ist. Dort findet sich auch jenes Foto, das den Architekten auf einer Buchpräsentation zeigt.

Eindrucksvoll belegen lässt sich dieser Vorwurf mit Modellen, Plänen und Entwürfen aus den Jahren zwischen 1937 und 1945 …

Cäsar und Aristoteles – Pinnau mit dem griechischen Reeder Onassis an Bord von dessen Yacht „Christina“ während der Probefahrt FOTO: ARCHIV PETER PINNAU
Cäsar und Aristoteles – Pinnau mit dem griechischen Reeder Onassis an Bord von dessen Yacht „Christina“ während der Probefahrt 

FOTO: ARCHIV PETER PINNAU
Der Publizist und Autor Joachim Fest stellt das Buch „Cäsar Pinnau“ vor, hält eine Laudatio. Pinnau selbst steht daneben und zupft, offenbar aufs Äußerste gelangweilt, einen Fussel vom Jackettärmel. Pinnau war nicht eitel, nicht auf Lob bedacht. Nicht nur.

In Hamburg und speziell in den Elbvororten ist Cäsar Pinnau ein bekannter Name. Seine Werke zeigen auch heute noch, fast 30 Jahre nach seinem Tod, Präsenz. Er schuf zahlreiche Villen im Hamburger Westen, aber auch das markante Hamburg Süd- Haus an der Willy-Brandt-Straße, die Oetkar-Werke in Hammerbrook und selbst in Hamburgs maritimem Wahrzeichen, der „Cap San Diego“ ist seine Handschrift zu finden: Pinnau entwarf die bis heute originalgetreu erhaltene Inneneinrichtung.

Wären nur diese Werke geblieben, dann gälte Pinnau heute als wandlungsfähiger, seriöser Vertreter seiner Zunft. Sein pompöses Arbeitszimmer könnte als Schrulle abgetan werden.

Tatsächlich aber hat Pinnau innerhalb der Architekten-Zunft einen durchwachsenen Ruf. Ihm wird vorgeworfen, den Lockungen klassizistischer Architektur allzu weit gefolgt zu sein. 

„Pinnau spürte Ablehnung, konnte sich letztlich aber auf seinen Stallgeruch verlassen ….“ 

Tchibo-Werk in Hamburg. Schauzeichnung von Ernst Eissner für das Büro Cäsar Pinnau, 1963 FOTO: HAMBURGISCHES ARCHITEKTURARCHIV 
Tchibo-Werk in Hamburg. Schauzeichnung von Ernst Eissner für das Büro Cäsar Pinnau, 1963 

FOTO: HAMBURGISCHES ARCHITEKTURARCHIV 
Eindrucksvoll belegen lässt sich dieser Vorwurf mit Modellen, Plänen und Entwürfen aus den Jahren zwischen 1937 und 1945, die im Altonaer Museum ausgestellt sind. Pinnau, der sich im April 1937 als Architekt in Hamburg niedergelassen hatte, erkannte rasch, dass die architektonische Formensprache der NS-Diktatur mit seinen ästhetischen Vorstellungen harmonierte. Er zögerte nicht lange, trat im Mai 1937 in die NSDAP ein und zog um nach Berlin. Dort wurde Albert Speer auf das Talent aufmerksam und gab ihm Staatsaufträge. Pinnau betätigtet sich zunächst als Innenarchitekt in der neuen Reichskanzlei. Er schuf mit erstaunlicher Sicherheit Arbeitszimmer für Minister und hohe Beamte, Sitzungssäle und kam der Privatwohnung Adolf Hitlers so bis auf wenige Meter nahe. 

In der Rückschau, nach dem Krieg, zeigte Pinnau keinerlei Reue über seine Arbeit im Machtzentrum der NS-Diktatur. Über die Gründe ist viel spekuliert worden und eine präzise Antwort wird sich nicht mehr finden lassen. Einen Anhaltspunkt gibt jedoch das folgende Projekt, mit dem Speer Pinnau beaufragte: Die „Nord-Süd-Achse Berlin“. Des Führers heißer Architekturtraum sollte sich 40 Kilometer lang durch die Hauptstadt ziehen. 

Die Bar auf der „Cap San Diego“. Aufnahme von 1962  
Die Bar auf der „Cap San Diego“. Aufnahme von 1962  
Eine Prachtstraße nach dem Vorbild des Champs-Élysées, aber größer, schöner, höher, mächtiger! Die Kosten würden die des Krieges noch übertreffen, so das Kalkül der Führung. Ohne die Unterjochung des Ostens würden sich weder die Materialberge noch die nötigen Arbeitskräfte versammeln lassen.

Vorgesehen waren ein neuer Bahnhof, eine gewaltige, 290 Meter hohe Kuppelhalle, Paläste, Ministerien und ein riesiger Hotelkomplex mit Schwimmbad, Oper, Theater, ausgelegt für Tausende. Einer der Architekten sollte Cäsar Pinnau sein. 

„Mit der Bekanntschaft des griechischen Reeders erfüllte sich eine frühe Sehnsucht Pinnaus …“

Ruth Pinnau im Mercedes vor ihrem Wohnhaus in Baurs Park in Hamburg, 2005 FOTO: OLIVER HEISSNER 
Ruth Pinnau im Mercedes vor ihrem Wohnhaus in Baurs Park in Hamburg, 2005 FOTO: OLIVER HEISSNER 
Der Architekturhistoriker Ulrich Höhns bringt es in dem Begleitbuch zur Ausstellung auf den Punkt: „Die Ansichten, Schnitte, Grundrisse und Fotos aufwendig hergestellter Modelle lassen die Realität einer kommenden Stadt der Hochhäuser und Monumente an Prachtstraßen greifbar aufscheinen, deren Suggestivkraft sich kaum ein Betrachter entziehen konnte und der die Planer wohl auch selbst erlagen.“

Kleine Korrektur: Eine Suggestivkraft, der sich kaum ein Betrachter entziehen kann. Die Verführung des Größenwahns funktioniert noch heute. Man ist sich ihrer bewusst, das ist der einzige Unterschied.

Nicht ein einziger Plan der Nord-Süd-Achse wurde tatsächlich gebaut. Wir dürfen dennoch vermuten, dass Pinnau die Nazi-Zeit als einen Höhepunkt seiner Laufbahn angesehen hat. Daher auch die Weigerung zur Reue, zur späten Einsicht.

Nach dem Krieg gelangte Pinnau rasch durch das Verfahren der Entnazifizierung und ließ sich erneut in Hamburg nieder. Seine unrühmliche Vergangenheit als NS-Architekt war hier aber durchaus bekannt. Pinnau spürte Ablehnung, konnte sich letztlich aber auf seinen Stallgeruch verlassen. So wie ihm zeitlebens Name und moralische Vorstellungen seiner Auftraggeber egal gewesen waren, so gleichgültig zeigten sich auch Hamburger Kaufleute, wenn es darum ging, eine Pinnau-Villa, ein Pinnau-Bürohaus zu bekommen. Pinnaus Auftragsbücher füllten sich rasant und sein Stil passte sich mit erstaunlicher Geschmeidigkeit dem Geschmack des hanseatischen Establishments an. 

Cäsar Pinnaus letztes Wohnhaus in Baurs Park in Blankenese. Eine Aufnahme von 2005 FOTO: OLIVER HEISSNER
Cäsar Pinnaus letztes Wohnhaus in Baurs Park in Blankenese. Eine Aufnahme von 2005 FOTO: OLIVER HEISSNER
Auch international erlangte der Architekt in den Nachkriegsjahrzehten Aufmerksamkeit. Es dauerte nicht lange, da baute er für Ölscheichs, für Industrie- und Handelstycoone, wie etwa Aristoteles Onassis.

Mit der Bekanntschaft des griechischen Reeders, dessen Reichtum noch heute sprichwörtlich ist, erfüllte sich eine frühe Sehnsucht Pinnaus. Bereits als Schüler und Student – offenbar hatte die klassizistische Linie da noch nicht ihre volle Wirkung entfaltet – zeichnete er schwärmerische Skizzen von Landhäusern in südlichen Gefilden, mit Tusche koloriert. Das „Landhaus am Cap Formentor auf Mallorca“ (1931) ist eine sanfte Studie, die Größe mit Weichheit verbindet. Der Betrachter sieht ein idyllisches Ensemble, direkt am Wasser, mit Schwimmbad und Marina.

Onassis besaß all das und wollte mehr. Pinnau entwarf Landhäuser, Hotels, das Interieur von Yachten und etablierte sich so als vollwertiger Teil des internationalen Jetsets. Dieser beschränkte sich in den 60er Jahren auf wenige hundert Personen, die manchmal buchstäblich über den Wolken verkehrten. In der Höhe. Über dem Profanen.

Autor: tim.holzhauser(at)kloenschnack.de

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