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Respektieren, nicht bemuttern

MENSCH DES MONATS 

Respektieren, nicht bemuttern

Margot Sontag, Betreuerin

Über 40 Jahre lang war Werner Thiele als Chauffeur und Koch im Dienst der Fürstenfamilie Bismarck. Seine Erinnerungen hat er in einem üppigen Kochbuch niedergelegt.

Margot Sontag zu Besuch in der KLÖNSCHNACK-Redaktion
Margot Sontag zu Besuch in der KLÖNSCHNACK-Redaktion
Die Flüchtlingskrise beherrscht die Medien, auch im Hamburger Westen. Mit dem nahenden Winter sollte jedoch auch an ein anderes Thema erinnert werden: Obdachlosigkeit. Margot Sontag ziert sich. „So ein kleines Projekt“, sagt sie am Telefon. Das falle angesichts der aktuellen Ereignisse überhaupt nicht ins Gewicht.

Letzteres sehen (oder sahen) 24 Männer und 4 Frauen wahrscheinlich anders. Margot Sontag ist zuständig für die Kirchenkaten in Blankenese. Hierbei handelt es sich um ein Projekt für Obdachlose. Kirchen stellen eine Unterkunft zur Vefügung, kassieren von den Sozialbehörden eine geringe Miete und betreiben das Modell so kostendeckend. Die Bewohner können ein Jahr bleiben und genießen während dieser Zeit die Vorzüge einer festen Adresse. Ziel ist dann eine eigene Wohnung, eine Lehrstelle, ein Job, ein neues Leben.

Kirchenkaten gibt es in vielen deutschen Gemeinden. Überall bedarf es Räumlichkeiten und eben einer Ehrenamtlichen, die organisiert, vermittelt, sich kümmert. Margot Sontag hat dieses Ehrenamt seit 1998 inne, seit Eröffnung der hiesigen Kirchenkaten. Seitdem sorgt sie in Absprache mit der Beratungsstelle Altona (die sich speziell der Hilfe für Obdachlose widmet) für die Belegung der Katen.

Ziel ist dann eine eigene Wohnung, eine Lehrstelle, ein Job

Es gibt keine formale Bewerbung, sondern eine Einzelfallprüfung. Welcher Obdachlose könnte von der festen Adresse profitieren? Wer fühlt sich durch den Anschluss in ein Gemeinwesen ermutigt, seiner Biografie einen anderen Drall zu geben?

Die Bilanz der Kirchenkaten ist heute ebenso gemischt wie die Biografien der bisherigen Bewohner. Sontag beschönigt nichts, erzählt von Menschen, die heute in einer BVE-Wohnung ein selbstbestimmtes Leben führen, aber auch von Drogenabstürzen, Mietsäumnis und ähnlichem. Was in der Theorie gut klingt, funktioniert in der Praxis nicht zwangsläufig.

„Man kann diese Leute nicht bemuttern“, erklärt sie, „sondern muss sie als Mieter respektieren“. Sie selbst betrachtet sich daher eher als Organisatorin, denn als Sozialarbeiterin.

Nach ihren Motiven gefragt, wirkt Margot Sontag zunächst irritiert, als seien diese völlig nebensächlich, räumt dann aber ein, dass ihr das Ehrenamt durchaus Spaß macht. Organisieren, planen, der Umgang mit den Bewohnern, ab und zu ein Erfolgserlebnis – das ist die Mischung, die für Elan sorgt, auch in den nächsten Jahren.

Für die Kirchenkaten und die Bewohner ist das ein Glück. Ein Nachfolger für Margot Sontag ist bisher nämlich nicht in Sicht.

Autor: tim.holzhaeuser(at)kloenschnack.de

www.blankenese.de/kirchenkaten.html

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