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Das Ende des Kaiserreiches

KLÖNSCHNACKS SOMMERNACHT

Das Ende des Kaiserreiches

Historisches 

Hermann Deutsch (untere Reihe, Dritter von rechts) und weitere Gründer des sozialdemokratischen Wahlvereins in Blankenese-Dockenhuden bei einer Jubiläumsfeier 1925 FOTO: VORWÄHRTS IN DEN ELBGEMEINDEN, 1. MÄRZ 1925   
Hermann Deutsch (untere Reihe, Dritter von rechts) und weitere Gründer des sozialdemokratischen Wahlvereins in Blankenese-Dockenhuden bei einer Jubiläumsfeier 1925 FOTO: VORWÄHRTS IN DEN ELBGEMEINDEN, 1. MÄRZ 1925   
Die Geschichte des Ersten Weltkrieges wird besonders greifbar, wenn man sie aus lokaler Perspektive betrachtet. Der Förderkreis Historisches Blankenese e.V. tut dies im Rahmen der Ausstellung „Blankenese 1918 – Verstörung, Revolution, Nachwirkung“. Der KLÖNSCHNACK wirft einen Vorabblick in die Ausstellung.

Schon Golo Mann, Historiker, Schriftsteller und Sohn des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, sagte: „Unkenntnis der Vergangenheit ist ein Verlust für das Bewusstsein der Gegenwart.“ Im diesjährigen offiziellen Gedenkjahr der Stadt Hamburg rückt der Aufbruch in die Demokratie vor 100 Jahren in vielfacher Weise ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Eine Erinnerung, die nottut. So sind heute demokratische Errungenschaften und Rechtsstaatlichkeit in Ländern und Regionen, denen es kaum jemand zugetraut hätte, doch wieder in erschreckende Ferne gerückt und bedroht.

Ida und Richard Dehmel 1917 auf Burg Lauenstein FOTO: A. BISCHOFF/DEUTSCHES LITERATURARCHIV MARBACH 
Ida und Richard Dehmel 1917 auf Burg Lauenstein 
FOTO: A. BISCHOFF/DEUTSCHES LITERATURARCHIV MARBACH 
Als am 9. November 1918 die Republik in Berlin ausgerufen wurde, endete die Geschichte des deutschen Kaiserreichs. Auch in unseren beschaulichen Elbvororten. Wie die Blankeneser mit den Chancen und Risiken umgingen, die sich durch Kriegsende und Reformen der Weimarer Republik ergaben, zeigt ab dem 15. August eine Ausstellung des Förderkreises Historisches Blankenese e.V. in der renovierten Haspa-Filiale am Bahnhof. Dafür haben sich studierte Fachhistoriker und Autodidakten zu einem Arbeitskreis zusammengefunden und das Blankenese vor einem Jahrhundert anhand von 14 Thementafeln dokumentiert – eingeteilt in drei Themeneinheiten, die sich mit der Verstörung zum Kriegsende, der Revolution ab 1918 und den späteren Nachwirkungen beschäftigen. Biografien einflussreicher Persönlichkeiten stehen dabei im Vordergrund und verdeutlichen das Denken und Handeln vieler.

So beispielsweise Johannes Kröger jr., der sich ebenfalls mit seiner Vergangenheit und seinen Vorfahren beschäftigte. Im Dezember 1918 beginnt er im Alter von 35 Jahren, die Geschichte seiner Familie aufzuschreiben, und erhofft sich davon eine Ordnung seiner in Unordnung geratenen Welt. In erster Linie ist es die Geschichte seines berühmten Vaters, dessen „Norddeutsche Nachrichten“ seit 1879 das kaiserliche Blankenese mitgestalteten. Nicht zuletzt auch die Geschichte dreier guter Freunde, die Schule, Kirche und Presse der damaligen Zeit vertraten: Schuldirektor Dr. Walther Kirschten, Kirchenprobst Theodor Paulsen und Gemeindevorsteher und Druckereibesitzer Johannes Kröger sen. Alle standen sie 1918 vor den Scherben ihrer Existenz. Zahlreiche Zitate schildern in der Ausstellung ihre Gedanken und Ängste, aber auch ihr Schwelgen in vergangenen Zeiten.

Die elf Stimmbezirke in Blankenese, 1929 bis 1933. Der Elbvorort gehörte zu den frühen Hochburgen der NSDAP und lag bis 1933 immer 10 bis 15 Prozent über dem Reichsdurchschnitt FOTO: VERKEHRSVEREIN ALTONA E.V. 1935/ALTONAER MUSEUM 
Die elf Stimmbezirke in Blankenese, 1929 bis 1933. Der Elbvorort gehörte zu den frühen Hochburgen der NSDAP und lag bis 1933 immer 10 bis 15 Prozent über dem Reichsdurchschnitt FOTO: VERKEHRSVEREIN ALTONA E.V. 1935/ALTONAER MUSEUM 
Ein letzter Trost in einer Realität von Hunger, Mangel, Ersatz und Not. Alte Lebensmittel- und Kohlekarten verdeutlichen die zum Erliegen gekommene Lebensmittelversorgung.

Ablenkung bot da die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten in den Elbgemeinden. Diese wurden nicht durch die Bevölkerung gewählt, sondern durch die organisierte Arbeiterbewegung initiiert. So war es in Blankenese der sozialdemokratische Wahlverein, aus dessen Reihen die ersten Mitglieder stammten. Hermann Deutsch rief bereits am 29. Dezember 1898 den sozialdemokratischen Wahlverein ins Leben, der das Gebiet von Dockenhuden bis Wedel umschloss und Vorläufer des SPD-Ortsvereins Blankenese war. Mit der Freien Turnerschaft Bankenese-Dockenhuden kam 1907 der erste Arbeitssportverein dazu – der heutige FTSV Komet Blankenese.

Die Revolution und die nachfolgenden Ereignisse erlebte die Mehrheit der Bürger in Blankenese als eine Mischung aus Putsch, Staatsstreich und illegale Machtübernahme der Sozialdemokratie. Den Wahlkampf 1919 dominierten die Fragen nach der Trennung von Kirche und Staat sowie der Schuld am Ersten Weltkrieg. Zum ersten Mal durften außerdem Frauen wählen! Sie waren die stark umworbene Zielgruppe – machten sie doch 61 Prozent aller Wahlberechtigten in Blankenese und Dockenhuden aus.

Da viele Männer den Krieg nicht überlebt hatten, gingen oft Arbeiterinnen dem Handwerk nach – hier in einer Sattlerei FOTO: PLANKAMMER STAATSARCHIV HAMBURG 
Da viele Männer den Krieg nicht überlebt hatten, gingen oft Arbeiterinnen dem Handwerk nach – hier in einer Sattlerei FOTO: PLANKAMMER STAATSARCHIV HAMBURG 
Johannes Kröger jr. im Juni 1919 FOTO: KRÖGERS FAMILIENGESCHICHTE (PRIVAT)
Johannes Kröger jr. im Juni 1919 FOTO: KRÖGERS FAMILIENGESCHICHTE (PRIVAT)
Die einige Jahre später viel diskutierte Eingemeindung nach Altona traf hingegen auf Ablehnung. Zu groß waren die Ängste vor Statusverlust und hohen Steuern. Altonas Bürgermeister Max Brauer konkretisierte das Vorhaben dennoch, bis das Unterelbegesetz im Juni 1927 den preußischen Landtag passierte.
In M. v. Appens „Tivoli“ in der Bahnhofstraße 4 richtete der Soldatenrat sein Hauptquartier ein – auch, weil ein Telefonanschluss vorhanden war FOTO: THOMAS MÜLLER, EDITION 1301 ACHT. BAHNHOF-KIRCHE-FEUERWEHROBERLAND, BLANKEENESE SD.  
In M. v. Appens „Tivoli“ in der Bahnhofstraße 4 richtete der Soldatenrat sein Hauptquartier ein – auch, weil ein Telefonanschluss vorhanden war FOTO: THOMAS MÜLLER, EDITION 1301 ACHT. BAHNHOF-KIRCHE-FEUERWEHROBERLAND, BLANKEENESE SD.  

Etwa zur selben Zeit wuchs in den Elbvororten noch ein größeres Problem heran: Antisemitismus. Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) band immer erfolgreicher die Völkischen an sich. Die in der Ausstellung zusammengetragenen Auseinandersetzungen in der Leserbriefspalte der „Norddeutschen Nachrichten“ verdeutlichen dies eindringlich.

Im Kaiserreich wurde Blankenese zu einem beliebten Ausflugsziel, das mit bunten Postkarten in der breiten Bevölkerung beworben wurde FOTO: ARCHIV FÖRDERKREIS HISTORISCHES BLANKENESE E.V. 
Im Kaiserreich wurde Blankenese zu einem beliebten Ausflugsziel, das mit bunten Postkarten in der breiten Bevölkerung beworben wurde FOTO: ARCHIV FÖRDERKREIS HISTORISCHES BLANKENESE E.V. 
FOTO: KREISAUSSCHUSS PINNEBERG  
FOTO: KREISAUSSCHUSS PINNEBERG  

Bis 1933 fand in Blankenese eine deutliche Verschiebung der bürgerlichen Stimmen nach rechts statt. Ab 1929 besonders hin zur NSDAP. Diese schnitt in Blankenese immer deutlich besser ab als im Deutschen Reich beziehungsweise Preußen und konnte zur preußischen Landtagswahl am 24. April 1932 mit 54,2 Prozent der Stimmen ihren größten Sieg vor der Machtübernahme feiern. Regional schnitt die NSDAP am erfolgreichsten im Treppenviertel ab. Woraus sich der Zuspruch für den völkischen Antisemitismus und Nationalsozialismus in den Elbvororten speiste, muss noch geklärt werden. Die Ausstellung gibt jedoch interessante Einblicke in die dazugehörige Forschung.

Der Förderkreis Historisches Blankenese e.V. hat eine Ausstellung erstellt, die einen anschaulichen Einblick in das Ende der Kaiserzeit wirft und verdeutlicht, dass Blankenese trotz Aufbruch und Revolution alte Denkmuster nicht so leicht loslassen konnte. Ein lohnender Besuch in vergangene Zeit – nicht nur für Geschichtsinteressierte und Blankeneser.

Autorin: louisa.heyder(at)kloenschnack.de  

www.blankenese.de/foerderkreis-histor-blankenese.html

Theatersaal der Rudolf-Steiner-Schule Nienstedten

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