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Nagano-Premiere in der Hamburger Staatsoper

Im und vorm Opernhaus gefeiert: Kent Nagano, das Philharmonische Staatsorchester, Chor, Extrachor und Solisten investierten viel Kraft in „schwere Kost“. Foto: Marcus Schm!dt

Hamburg. Eine graue Mähne im Orchestergraben löst Applaus aus: Generalmusikdirektor Kent Nagano ist da – zur Premiere am 19. September 2015 seiner Amtszeit an der Staatsoper Hamburg! Die Noten für Hector Berlioz‘ „Les Troyens“ liegen auf seinem Pult – und große Erwartungen an den „Hamburger Klang“. Der Weltstar aus Kalifornien wagt sich an die Musikstadt, „in der es passiert“. Im Team mit Intendant Georges Delnon will er den „Klang der Stadt“ ausarbeiten und weiter verbreiten. Eine Welle von wasserklaren Tönen, von tiefen Bässen und Pauken, einem Chor wie mit französischen Revolutionären besetzt, lässt im Autor den Wunsch aufkommen, darauf zu surfen. Wie am Heimatstrand des Dirigenten! Doch diese Brecher branden nur zeitweilig mit voller Wucht ins Publikum. Auf über drei Stunden verteilt.

Auf der Bühne glänzen vor allem zwei Frauen mit klaren, starken Stimmen: Catherine Naglestad als Seherin„Cassandre“. Sie warnt mit Zeilen wie „Zeit zu sterben“, vor drohendem Unheil. Auch vor dem Pferd, das Truppen nach Troja schmuggeln sollte. „Didon“ Elena Zhidkova“ hat mit Flucht und Treue in ihrem Leben zu tun. Doch gerade die großen Dramen erschließen sich dem Reporter kaum. Dabei wären sie jetzt aktueller denn je. Namen wie „Hector“ Bruno Vargas oder „Hylan“ Julian Prégardien ziehen. Doch auch ihnen erlaubt Komponist Berlioz nicht viel Zeit, um zu glänzen.

Wenige können im Graben und auf der Bühne zeigen,, was noch in ihnen steckt. Es liegt an der Komposition, der Handlung , an den geringen Kürzungen, die das Gesamtprodukt sperrig und unübersichtlich wirken lassen. Dabei steht Weltklasse nicht nur am Pult sondern auf fast allen Positionen auf, hinter und unter der Bühne! Der Orchestergraben und die Bühne ist voll von Profis, die unglaublich arbeiten, um dem Publikum etwas zu bieten.

„Warum hat man dieses komplizierte Stück für die Premiere gewählt, wenn es weltweit beobachtet wird?“, fragte sich dann auch eine Kollegin, die nicht genannt werden möchte: „Neu ist nicht immer besser.“

Die Geschichte erklärt sich nicht aus sich selbst heraus. Kein hölzernes Pferd ist zu erkennen, das aus Schultagen oder dem Kino mit Bratt Pitt im Gedächtnis geblieben ist. Keine Schlachten mit Schwertern,, klassische oder aktuelle griechische Anspielungen würzen den Abend. Michaela Barth hat dafür schlichte Kostüme entwickelt, die in der Zeit der Troja-Ausgrabungen Schliemanns entstanden sein könnten.

Auch wer ständig auf die deutschen oder englischen Übersetzungen an der Bühne achtet, kann den Handlungsfaden verlieren. Aus der Musik und Bewegung erklärt sich die Story selten. Die Tiefe der Schmerzen, die Vertriebene und Getriebene in diesem Stück erfahren, haben vor allem Gäste der ersten Reihen und der Übertragung auf die Leinwand vorm Jungfernstieg in den Gesichtern der Darsteller gesehen.

Ein Tipp: Wer sich an langen Troja-Abend wagt, sollte sich vorher in einen guten Opernführer oder die Website der Staatsoper einlesen. Auch die Einführung vor dem Abend wäre ratsam. Ohne Erklärungen bleibt es für den „normalen“ Operngast, der keine Zeit aber das Ticket hat, schwer die Geschichte und die Musik zu verstehen – oder zu genießen.

„Ich erwarte ein großes Ereignis“, hoffte Musik-Professor Hermann Rauhe vor dem ersten Takt. In der Pause erklärte der frühere Direktor der Musikhochschule: „Kent Nagano holt das Beste aus der Partitur heraus, was möglich ist.“ Opern-und HSV-Förderer Klaus Michael Kühne und Gattin Christine vor dem Troja-Marathon: „Wir sind gespannt, geben aber keine Vorschusslorbeeren.“
Mäzen und Versandhaus-Chef Michael Otto vor Beginn: „Ich kann mir schon vorstellen, dass diese Kreativen sich etwas einfallen lassen.“ Hamburgs ehemaliger nächster Bürgermeister Dietrich Wersich fand es zur Pause „fesselnd, blutig und eindringlich“.

Blut an Händen und Gesichtern verschmiert – kennt man aus Bayreuth. Ein gigantischer Holzkasten als Kulisse – war schon einmal im Thalia-Theater zu sehen. Menschen, die sich am Bühnenrand in Zeitlupe von links nach rechts bewegen – gab es auch in schon in „Parzival“ an der gleichen Stelle zu erleben.

Was optisch im Kopf bleiben wird, ist die Flut von Theaterblut. Das hinterlässt weder Schock, Skandal oder Trauma, wird aber zum gestalterischen Höhepunkt. Olaf Altmann hat viel Herzblut in die riesige, rotierende Rückwand gesteckt, über die rote Farbe fließt. Doch Überraschendes wie Rosalies wabernde Lichtskulptur „Light Flow/Light Stream“ an der Glasfassade der Oper hätte man auch auf der Bühne erwartet.

Regisseur Michael Thalheimer spricht im Programmheft über die Frauen im Stück: „Man hat das Gefühl, sie sind da um zu leiden“. Auch so mancher Gast sprach anschließend von seinen Leiden: „Rücken“ und „Ratlosigkeit“. Doch alle wollten einen schönen, spektakulären Auftakt haben, über den man lange sprechen und diskutieren kann. Sie bekamen ihn und applaudierten bei Nagano, Orchester, Chor, und den Stars mehr als nur brav und freundlich.

Unter den Gästen waren Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, der ehemalige Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, die frühere Zweite Christa Goetsch, Ex-Kultursenatorin Dana Horáková und
Schauspieler Gustav Peter Wöhler,

Premierenbesucher und Touristen feierten den Menschen Nagano sogar auf der Straße. Doch wie lockt man damit neues Publikum in die Oper, fördert Klassik-Nachwuchs in denSchulen? Keine Sorge! Der Chefdirigent und Co. haben weltweit und auch bei uns bewiesen, das das erst der Anfang war. Vorfreude!

Text und Fotos: Marcus Schmidt

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