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THEMA: Sommeliers

TIMS THESEN 

THEMA: Sommeliers

Tim Holzhäuser schreibt hier seine monatliche Glosse
Tim Holzhäuser schreibt hier seine monatliche Glosse
Sprechen wir über Geschmack im Allgemeinen und im besonderen über den Sommelier. Im Zeitraum zwischen 50 v. Chr. bis um 1995 sind wir mit einem einzigen Typ Sommelier bestens ausgekommen: der für Wein. Seitdem wurde das Berufsfeld ausgeweitet. Ich darf aufzählen:

Biersommelier, Teesommelier, Kaffeesommelier, Wassersommelier, Käsesommelier, Fleischsommelier. Jüngst kam die Einladung zum „Brot-Tasting“ unter Anleitung eines „Brotsommeliers“. Ich wette, es wird nicht lange dauern, bis irgendeine unterbeschäftigte Existenz beschließt, Tütensuppen-Sommelier zu werden. Der Tütensuppen-Sommelier steht dann im Discounter am Maggi-Knorr-Regal und erklärt den korrekten Abgang von Rauchsalz und die samtige Textur Guarkernmehls.

Man kann das positiv sehen: Wenn es uns morgen früh nicht mehr gelingen sollte, mit Genuss eine Stulle zu essen, ein Glas Wasser zu trinken oder eben eine Tütensuppe zu löffeln, dann wählen wir den Notdienst des jeweiligen Sommeliers und schon naht Hilfe.

Wer es nicht positiv sehen will, sondern realistisch, der fragt: Was soll der Blödsinn?

Meine These hierzu war zunächst die gleiche, die ich auch auf die inflationäre Ausbreitung von Coaches angewendet habe („Der Coach und das/dass“, KLÖNSCHNACK 5/2015): Es ist unfassbar leicht, einer zu werden. Der Bezeichnung steht jedem offen. Sie können ein Wochenendseminar besuchen, oder sich den Heckmeck sparen, und sich einfach selbst Coach nennen. Ähnliches vermutete ich auch beim Sommelier. Stimmt aber nicht. Die meisten angehenden Sommeliers bilden sich mit einer Ernsthaftigkeit fort, als würde ihre Dienstleistung wirklich gebraucht. Die Seminare erstrecken sich berufsbegleitend über Jahre; die Lehrinhalte gehen in die Tiefe, als müsste der jeweilige Aspirant eine Kulturgeschichte über Brot, Tee und Tütensuppe verfassen.

These: Der Begriff Sommelier hat seine Bedeutung gewandelt. Ein moderner Sommelier ist in Wahrheit ein kommerzielles Marketing-Geschöpf, ein Verkäufer, der das jeweilige Produkt in den Verbraucher füllen soll, über alle Geschmacksgrenzen hinaus. Das Genussmaximum einer Stulle ist ja recht schnell erreicht, das schafft man glatt im Alleingang. Wenn aber nun ein Hersteller aufgrund brutaler Konkurrenz beschließen muss, dass Graubrot das nächste große Ding ist, dann braucht er einen Sommelier. Der gibt dem Graubrot einen neuen Namen – Golden Ager Bread –, sülzt in Presse und TV eine unfassbare Menge an Adjektive und, wenn alle mitmachen, dann läuft die Sülze anschließend wie geschmiert. Die Leute essen mehr von dem Zeug und lassen sich davon überzeugen, dass Stullen ein Luxusprodukt sind. In den Supermarktregalen finden sich dann jene „Beste Wahl“- oder „Beste Welt“- Produkte, die uns Alltagsprodukte als hochpreisige Delikatessen verkaufen. Und damit Erfolg haben. Dank Sommelier.

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