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THEMA: Sensible Durchwahl 


TIMS THESEN 

THEMA: Sensible Durchwahl 

Image №1
Tim Holzhäuser schreibt hier seine monatliche Glosse 
Die Dame am Telefon hatte diesen süßlichen Tonfall, der offenbar auf dem Stundenplan einer jeden PR-Fachschule steht. Thema war eine Einkaufspassage, über die ich eine kurze Notiz verfassen musste. Es fehlte nur noch die Quadratmeterzahl. „Solche sensiblen Daten geben wir nicht heraus“, flötete die PR-Maus. „Kein Problem“, erwiderte ich. „Ich komme vorbei und zähle nach.“ Höfliches Ende des Gesprächs. Später Beschwerde beim Verleger. Was mir einfiele! Später rief ich eine Fahrschule an und fragte nach dem Fahrlehrer. An der Strippe stattdessen wieder eine säuselnde Maus. „Worum geht es?“, wollte sie wissen. Ich sagte es und erhielt die Antwort: „Ähm, nee, das müssen Sie mit ihm selbst klären …“

Als nächstes ein Anruf bei einer Privatbank. Diesmal eine männliche Maus: „Der Herr ist nicht am Platz.“ „Schade. Geben Sie mir bitte seine E-Mail-Adresse, dann mache ich das schriftlich.“

„Die darf ich auf KEINEN FALL herausgeben.“ „Brauchen Sie auch nicht“, antwortete ich und meinte es ernst. vorname.nachname@namedesunternehmens.de – das ist in 90 Prozent der Fälle die richtige Adresse. Ansonsten Variationen mit Bindestrichen und der Endung .com und schon kommt Ihre Mail an Maus und Mäuschen vorbei.

Ein weiterer Anruf, bei einer Reederei. Warteschleife, Telefonzentrale, dann die gesäuselte Auskunft: „Der Herr ist zu Tisch.“ „Geben Sie mir die Durchwahl? Dann versuche ich es später.“

„Nein, also, die –!“
Ich legte auf, wählte eine beliebige Durchwahl. Irgendein Müller ging ran. Ich tat überrascht und bat ihn, zu meinem Gesprächspartner durchzustellen. Müller war ein völlig normaler Mensch, der ohne großes Theater den richtigen Knopf drückte.

Hochgradig sensible Verwicklungen entstehen auch dann, wenn man ein Firmengebäude von außen fotografiert. Wird das von einem Angestellten beobachtet, können wir fast sicher sein, dass er mit wehendem Schlips aus der Tür platzt und allen Ernstes behauptet, das sei verboten. Die einzig richtige Antwort darauf? Klick-klick-klick-klick … (Wer in Deutschland ein normales Haus fotografieren will, kann das bis in alle Ewigkeiten tun.)

Fassen wir also zusammen: Eine angestellte Mäusetruppe neigt dazu, Banalitäten als „sensibel“ unter Verschluss zu halten, obwohl sie damit keinem Zwölfjährigen Hürden in den Weg stellt und sich lächerlich macht. Warum?

Meine These: Angst, Wichtigtuerei, Langeweile. Wer sich keinen Fehler erlauben will, der kann sich im Zweifelsfall keinen Millimeter bewegen. Wird dann noch das eigene Büro-Getippsel unter strenger Geheimhaltung betrieben, dann scheint die Ödnis zwischen 9 und 18 Uhr einigermaßen erträglich zu sein. Meine Durchwahl? -63.

Über Hamburger Klönschnack