1. November 2017
Magazin

THEMA: Der Dagegen!

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TIMS THESEN 

THEMA: Der Dagegen!

Tim Holzhäuser schreibt hier seine monatliche Glosse
Tim Holzhäuser schreibt hier seine monatliche Glosse
Ein Geständnis: Ab und zu finde ich den Streit um den Blankeneser Marktplatz amüsant. Es geht um Leben und Tod, selbstverständlich, das aber mit Szenen unfreiwilliger Komik. Etwa, wenn besorgte Bürger entnervte Bauarbeiter über die Absperrung hinweg mit Fragen belästigen, „Beweisfotos“ schießen oder eben fordern, alles müsse aussehen wie in ihrer Kindheit. Gestern dann dachte ich über einen Typus Menschen nach, den wir wohl alle kennen. Den Dagegen. Er „bezieht Stellung“ und zwar gegen etwas. Es ist gleichgültig, um was es sich handelt – Tierschutz, Tarifänderungen, S-Bahnverkehr, Flüchtlinge, AfD –, er ist stets dagegen. Es wurden auch schon Gründe für die ständige Opposition diskutiert. Da ist zum einen eben jener befürchtete Verlust von Kindheitsgefühlen und zum anderen die generelle Angst vor Veränderungen und letztlich Geltungsdrang.

Ersteres finde ich nur mäßig plausibel. Kindheit kann eine einzige Erinnerung an Machtlosigkeit und Unzulänglichkeit sein. Auch die generelle Angst vor Veränderung klingt erst mal gut, ist aber kein zwingender Grund. Wer sich dazu durchringt, nach 20 Jahren endlich das Wohnzimmer umzuräumen, der ist vom Ergebnis meist hochgradig erfreut. Auch der Klischeetyp, der sein Leben lang den selben Urlaubsort besucht, ist nach meiner Beobachtung selten. Geltungsdrang ist eine nette Theorie, passt nach meinem Empfinden aber nicht so recht zur Destruktionskraft des Dagegen. Was also ist sein wahres Motiv?

These hierzu: Macht. Der Dagegen genießt das reine, kühle Gefühl, das uns durchströmt, wenn wir etwas tun, was kein anderer zustande brächte.

Der Bürgermeister sagt, etwas sei „alternativlos“? Der Dagegen lacht, gründet eine Bürgerinitiative als zentrale Sammelstelle für die anderen Dagegens (mittlerweile ein veritables Heer), sammelt Unterschriften und stoppt den Politiker noch vorm Wochenende auf Jahrzehnte hinaus.

Eine Straße soll umgebaut werden, damit der Verkehr fließt und ein Stadtteil wieder atmen kann? Da wandelt sich der Dagegen plötzlich zum Ornithologen, findet im Gebüsch eine Holsteiner Kackstelze und schon bleibt die Straße, wie sie ist.

Wir sehen: Die These wird gestützt von der Wahllosigkeit, mit der unser Dagegen dagegen ist. Er ist wandlungsfähig bis zur Selbstaufgabe. Auch das Ergebnis seiner Macht kann grob sinnfrei sein, dem menschlichen Verstand spotten, nachteilig sein für Generationen und dabei ein Vermögen kosten – spielt alles keine Rolle. Der Dagegen erhebt sich vorm Badezimmerspiegel und wispert mit hochgezogenen Brauen: „I did it!“ Wer nun von Journalisten Lösungen erwartet (oder die lahme Pointe, nach der ich nun gegen etwas sein muss), der wird enttäuscht. Der Dagegen ist in unserer zivilisierten und liberalen Gesellschaft ebenso geschützt wie Holsteiner Kackstelzen.

Und letztlich ist das auch gut so.

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