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Zwischen Lagerfeuer und Vulkan

ENERGIE

Zwischen Lagerfeuer und Vulkan

Die Fernwärme und ihre Zukunft

Das Heizkraftwerk Wedel, erbaut 1961 bis 1965, läuft nur noch zum Teil, versorgt aber auch heute noch ca. 240.000 Haushalte mit Strom FOTO: VATTENFALL/FRANK SCHNELLE  
Das Heizkraftwerk Wedel, erbaut 1961 bis 1965, läuft nur noch zum Teil, versorgt aber auch heute noch ca. 240.000 Haushalte mit Strom FOTO: VATTENFALL/FRANK SCHNELLE  
Das Kraftwerk Wedel kommt in die Jahre, das Kraftwerk Moorburg ist nicht ausgelastet, Fernwärme von Industriebetrieben bleibt ungenutzt. Nun soll eine neue Fernwärmeanbindung quer durch den Hamburger Westen für Abhilfe sorgen. Die Planung hat begonnen. Ein Überblick.

Auf jeden Fall sollten wir wachsam bleiben, damit uns diese Entwicklung nicht überrennt …“ So endet im Juli das alarmierte Schreiben eines Lesers an die Redaktion. Anbei eine Lagekarte, auf der ersichtlich ist, worum es geht: Eine Fernwärmeleitung, unter der Elbe hindurch in Richtung Othmarschen … .

Der Autor sorgt sich um Verkehr und Schröders Elbpark, über negative Auswirkungen für den Handel und kommt zu dem Urteil, die geplante Leitung ist „völlig unnötig“.

Wirklich? Wer hier fundiert antworten will, kommt nicht umhin, die gesamte Energieversorgung Hamburgs zu betrachten. Was wird wo erzeugt, zu welchen Bedingungen? Wo sitzen die Kompromisse und welche Lager treffen aufeinander?

Aus technischer Sicht kann der Streckenverlauf der neuen Anbindung überzeugen …

Kohlekraftwerk Moorburg. Die Skalierung der Fotos täuscht: Die Anlage liefert ca. 2,4 mal so viel Energie wie das Heizkraftwerk Wedel FOTO: VATTENFALL/BENGT LANGE
Kohlekraftwerk Moorburg. Die Skalierung der Fotos täuscht: Die Anlage liefert ca. 2,4 mal so viel Energie wie das Heizkraftwerk Wedel FOTO: VATTENFALL/BENGT LANGE
Zunächst die „Hardware“. Hamburg bezieht Strom und Fernwärme von insgesamt drei Kraftwerken (ausgeklammert Atomstrom, der in Norddeutschland eine untergeordnete Rolle spielt): Moorburg, Wedel und Tief stack. Moorburg und Wedel werden mit Steinkohle befeuert, Tiefstack auch mit Gas und Heizöl. Wedel und Tiefstack liefern Fernwärme über entsprechende Rohrleitungen direkt in Hamburger Haushalte, Moorburg tut das nicht. Dieser Fakt ist wichtig, wie sich gleich zeigen wird.

Zunächst der Blick nach Wedel. Das kleine Kraftwerk ist in die Jahre gekommen, versorgt jedoch noch immer ca. 240.000 Haushalte mit Strom. Ein Großteil der Leistung wird als Fernwärme geliefert. Diese Energieform genießt aus Umweltschutzgründen besondere Förderung. Sollte das Kraftwerk Wedel in naher Zukunft vom Netz gehen, dann müsste ein anderes Kraftwerk die Fernwärmeversorgung übernehmen.

Schwenk nach Moorburg. Das dortige Kraftwerk, 2015 in Betrieb genommen, ist ein anderer Brummer als Wedel. Es erzeugt ca. 1.600 Megawatt Leistung pro Jahr (Wedel 250 MW Strom, 420 MW Fernwärme). Moorburg ist zu etwa zwei Drittel ausgelastet. Es existieren Anschlüsse für Fernwärme mit einer Dimension von ca. 650 MW.

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Liegt die Fernwärmeanbindung in Moorburg, könnte auch das Kraftwerk ans Netz gehen

Ursprünglich, so die Planung von Vattenfall und des CDU-geführten Senats um 2005, sollte Moorburg Wedel ersetzen. Die hierzu nötigen Fernwärmeleitungen kamen jedoch nicht über die Planung hinaus. Eine Koalition aus Bürgerinitiativen und Umweltverbänden verhinderte vor Gericht den Bau. Moorburg ist daher bis heute ein reines Kohlekraftwerk und, trotz vorhandener Technik, eben kein Heizkraftwerk. Die Anlage ist auch aus diesem Grund für ihre jetzige Aufgabe überdimensioniert. Teile der Hamburger CDU fordern daher einen raschen Anschluss des Werks an die Fernwärme mittels einer neuen Leitung über die Elbe. Politisch ist das gegen den Widerstand von Rot-Grün jedoch nicht zu machen (dazu gleich mehr). In den letzten Jahren ging der Blick also zurück nach Wedel. Warum die alte Dreckschleuder nicht abreißen und durch ein emissionsarmes Gaskraftwerk ersetzen, das dann wiederum für Fernwärme zur Verfügung stünde? 

Heizkraftwerk Tiefstack: Über die Hälfte der Hamburger Fernwärme wird hier mit einer Leistung von 955 Megawatt erzeugt FOTO: VATTENFALL/FRANK SCHNELLE 
Heizkraftwerk Tiefstack: Über die Hälfte der Hamburger Fernwärme wird hier mit einer Leistung von 955 Megawatt erzeugt FOTO: VATTENFALL/FRANK SCHNELLE 
Weil wesentliche Teile Wedels dies nicht wollen. Nach mehreren Klagen und politischem Widerstand verkündete Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) im Juli 2016: „Wedel ist vom Tisch.“

Seither sehen die Fronten so aus: Die eine Bürgerbewegung hat eine Fernwärmeleitung Richtung Moorburg verhindert, das dortige Kraftwerk damit ebenfalls vom Tisch genommen und als Resultat Pläne zum Kraftwerk-Neubau in Wedel notwendig gemacht. Die andere Bürgerbewegung stoppte nun kürzlich auch diesen Neubau. Was nun?

Mehrere kleine Blockheizkraftwerke wurden aufgrund der damit verbundenen hohen Emissionen verworfen. Stattdessen präferieren Politiker und Bürgeraktivisten quer über politische Lager die Nutzung industrieller Abwärme.

Im Fokus stehen die Kupferhütte Aurubis, die Müllverbrennungsanlage Rugenberger Damm, das Klärwerk Dradenau, sowie eine Anzahl kleiner Firmen (Trimet, Arcelor etc.). Aufgrund der Standorte dieser Firmen würde eine Anbindung an das Fernwärmenetz der Stadt aber eine neue Leitung erfordern. Eben diese entsteht derzeit auf den Zeichenbrettern unter dem Namen „Fernwärmesystemanbindung-West“ (FWS-West).

GRAFIK: VATTENFALL
GRAFIK: VATTENFALL
Von der rein technischen Warte heraus kann der Streckenverlauf der Anbindung überzeugen. Kritiker führen jedoch an, dass die FWS-West schnurstracks auf das Kraftwerk Moorburg zuführt. Offiziell ist ein Anschluss des Kraftwerks noch immer nicht geplant, aber wer kann schon garantieren, ob das auch in Zukunft so sein wird? Denn: Würde Moorburg an das Fernwärmenetz angeschlossen, dann basierte Hamburgs Versorgung in diesem Sektor wesentlich auf der schmutzigsten Form der Energieerzeugung überhaupt. Ein zentraler Punkt im „Energiekonzept für Hamburg“ (einer Kooperationsvereinbarung zwischen der Stadt Hamburg und Vattenfall), wäre Makulatur: „Beide Partner streben an (…) eine Energiewende in Richtung Erneuerbare Energien mit einer CO2-ärmeren Energieversorgung voranzutreiben.“

Ist nun die FWS-West „unnötig“, wie im Leserbrief befürchtet? Technisch gesehen sicher nicht. Wenn eine Stadt keinen Atomstrom beziehen will, keine Kohlekraftwerke betreiben und den Bau eines Gaskraftwerks blockiert, wenn die Fernwärme aber gleichzeitig als ökologisch vorteilhaft ausgebaut werden soll, dann geht’s nicht ohne neue Leitungen. An irgendeiner Schraube muss man drehen.

Sicher haben die Kritiker aber auch nicht Unrecht: Liegt die FWS-West erst mal vor der Tür des Kraftwerks Moorburg, dann könnte der politische Wille erwachen, sich das Problem mit einem Mal vom Hals zu schaffen und statt vieler kleiner Lagerfeuer einfach den großen Vulkan anzuschließen. Mit den derzeitigen Mehrheitsverhältnissen im Rathaus wäre das sicher nicht ohne weiteres machbar. Aber Mehrheiten ändern sich.

Zum weiteren Verlauf: Auf der Basis eines „Scoping“-Termins, der Ende Juni stattfand, soll nun die Umweltbehörde mit weiteren Untersuchungen beginnen. Eine Entscheidung ist bisher also nicht gefallen, wird aber fallen müssen.

Autor: tim.holzhaeuser(at)kloenschnack.de

www.vattenfall.de

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