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Unversöhnliche Welten?

MEINE MEINUNG

Unversöhnliche Welten?

PROF. DR. FRIEDRICH HAGENMÜLLER  Medizin und Esoterik

Wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit esoterischer Heilmethoden gibt es nicht … FOTO: HETIZIA_FOTOLIA.COM
Wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit esoterischer Heilmethoden gibt es nicht … 

FOTO: HETIZIA_FOTOLIA.COM
Nicht selten enden Diskussionen über Heilmethoden in einem Glaubenskrieg. Vertraut ein Patient der Schulmedizin oder folgt er auch den Angeboten esoterischer Heilslehren?

Jüngst in einem Blankeneser Kaffeehaus wurde ich Zeuge eines Gesprächs zwischen einem ärztlichen Kollegen und einem esoterisch orientierten Heilpraktiker. Ich kannte beide als sympathische, friedfertige Zeitgenossen. Sie unterhielten sich über die Vorzüge ihrer Heilmethoden, und ich ahnte nichts Gutes.

Es kam, wie es kommen musste: Die Diskussion endete in einer Art Glaubenskrieg. Dabei setzten sich beide für dasselbe Ziel ein: die körperliche und seelische Gesundheit. Ihre Wege zu diesem Ziel sind allerdings sehr unterschiedlich. Medizin und Esoterik basieren auf derart unterschiedlichen Weltbildern, dass man nur schwer entdeckt, was sich sinnvoll ergänzen könnte.

Esoterik ist primär keine Heilmethode, sondern eine Weltanschauung, die das Vordringen in eine „höhere“ Bewusstseins- und Erkenntnisebene verspricht, die durch Vernunft und Wissenschaft nicht erreichbar ist. Übersinnliche Kräfte, Wunder, Magie, Hellseherei, Mystik, Pseudophysik, Schamanentum und vieles mehr sollen dazu befähigen.

Die Liste sonderbar anmutender, esoterischer Vorstellungen ist schier endlos. Wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit esoterischer Heilmethoden gibt es nicht. Das stört die Esoterik-Anhänger aber nicht; ihnen genügt der Glaube an die Methode und deren spirituelle Dimension. Das handelt ihnen den Spott vieler Ärzte ein; sie orientieren sich an der wissenschaftlich bewiesenen Wirksamkeit ihrer Methoden. Dem hält der Esoteriker entgegen, dass keineswegs alle – auch unstrittig als sinnvoll erachtete – ärztliche Tätigkeiten wissenschaftlich begründet sind.

Prof. Dr. Friedrich Hagenmüller

„Esoterik ist primär keine Heilmethode, sondern eine Weltanschauung …“ 



Die Mehrzahl aller medizinischen Maßnahmen unterliegt so vielen Unberechenbarkeiten – zum Beispiel dem Einfluss von Psyche und Emotion, inkonstanten Umweltbedingungen, der Interaktion zwischen Arzt und Patient – dass sich ihre Wirksamkeit aus methodischen Gründen gar nicht beweisen lässt. Wie verhalten sich die Patienten?

Die meisten Menschen vertrauen ihre gesundheitlichen Belange einem akademisch ausgebildeten Arzt an. Einige belassen es aber nicht dabei, sondern nehmen zusätzlich alternative Methoden in Anspruch – entweder weil die Medizin ihre Erwartungen nicht erfüllt oder weil sie glauben, ihre gesundheitliche Sicherheit zu erhöhen, wenn sie nichts unversucht lassen. Nicht alle landen bei der Esoterik, die übrigens nicht mit Naturheilkunde gleichzusetzen ist.

Unbestritten ist, dass die Esoterik auf einige Menschen eine große Anziehungskraft ausübt. Esoterische wie die meisten alternativen Heilmethoden reklamieren für sich allein, das Individuum „ganzheitlich“ (ein viel strapaziertes Unwort) zu behandeln.

Das haben wir Ärzte nie anders gemacht. Dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Organe, hat uns schon mein Kollege Paracelsus vor 500 Jahren beigebracht. In meiner 45-jährigen ärztlichen Tätigkeit habe ich nie ein Problem mit esoterisch orientierten Patienten gehabt. Ihr Bedürfnis an individueller Zuwendung wird durch einen Arzt, der stets den Zeitdruck im Nacken hat und allzu schnell zum Rezeptblock greift anstatt dem Patienten in Ruhe zuzuhören, nicht befriedigt. Wenn die Esoterik diesen Menschen dabei hilft, eine gesundheitsförderliche Lebensweise zu führen und sich verstanden, sicherer und beschützt zu fühlen, kann das eine sehr sinnvolle Ergänzung zur konventionellen Medizin sein.

Esoterik-Anhänger sollten aber wissen – und darauf mache ich meine Patienten aufmerksam – dass die Esoterik auch ein lukratives Geschäft ist. Verkauft werden Produkte in unglaublicher Vielfalt: vom Seminar über Heil-Rituale bis zu Klangschalen und Zaubersteinen.

Angeblich setzt der Esoterik-Markt in Deutschland die gigantische Summe von 15 bis 20 Milliarden Euro pro Jahr um; das lockt natürlich auch Scharlatane, die Hokuspokus für teures Geld verkaufen. Wichtig ist auch, dass man labile und Menschen in bedrängter Situation davor schützt, in eine psychische Abhängigkeit von unseriösen Heilsversprechen zu geraten.

Schließlich warne ich meine Patienten vor angeblich heilsamen Kräutermischungen, deren Inhaltsstoffe nicht bekannt sind. Den weit verbreiteten Irrtum, dass alles Pflanzliche auch gut für die Gesundheit sei, kommentiere ich gern mit dem Hinweis, dass auch der Genuss von Knollenblätterpilzen rein pflanzlich sei, aber oft tödlich ende. Wie ging das Gespräch im Blankeneser Kaffee aus?

Das letzte Wort hatte mein ärztlicher Kollege. Er zitierte Adam Smith, einen schottischen Philosophen der Aufklärung: „Die Wissenschaft ist das Gegengift der Verführung und des Aberglaubens.“

Bleiben Sie gesund, liebe KLÖNSCHNACK-Leser!

Friedrich Hagenmüller

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