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Leben mit dem Alter 

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Leben mit dem Alter 

In die Jahre gekommen  

FOTOS: SPIEGEL:TOMMASO LIZZUL_FOTOLIA.COM, ALTE MENSCHEN-REIHE: AND.ONE_FOTOLI, UHR: CLOVERCITY_FOTOLIA.COM 
FOTOS: SPIEGEL:TOMMASO LIZZUL_FOTOLIA.COM, ALTE MENSCHEN-REIHE: AND.ONE_FOTOLI, UHR: CLOVERCITY_FOTOLIA.COM 
Was bedeutet es, alt zu sein? Ab wann ist man alt? Oder ist Alter nur eine Zahl ohne Bedeutung? Der KLÖNSCHNACK geht diesen und anderen Fragen auf den Grund und lässt dabei Betroffene zu Wort kommen. Personen von 80 bis 103 Jahren aus den Elbvororten erzählen, wie das Leben sie mit zunehmendem Alter prägt, welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen und wie präsent der Gedanke an den Tod ist.

Personen als „alt“ zu bezeichnen, kann schnell für schlechte Stimmung sorgen. Besonders, wenn sich die Person selbst gar nicht als alt versteht. Doch wer legt das fest? Jeder für sich selbst oder eine gesellschaftliche Norm?

Überraschend war da die Reaktion unserer Interviewpartner, die durchweg gerne über ihr Alter und auch die damit einhergehenden Altersbeschwerden sprachen. Dennoch betonten die Interviewten dabei stets, sich derzeit gut, fit und glücklich zu fühlen. Bis auf die 103-jährige Charlotte Sauer. Sie ist die älteste Bewohnerin der Elbschlossresidenz in Klein Flottbek, war aber bis vor Kurzem noch so agil, dass sie letzten Herbst Bridge-Turniere gewann.

Während unserer Gespräche folgten die Fragen einem festen Katalog, der Vergleichbarkeit erzeugen soll.

1. Was bedeutet es, alt zu sein?
2. Ab wann ist man alt?
3. Welche Vorteile bringt Alter mit sich, welche Nachteile?
4. Deprimiert der Gedanke an den Tod? Wird die verbleibende Zeit dadurch getrübt?
5. Welche Zeit war die glücklichste?
6. Welche Ziele und Wünsche haben Sie noch?
7. Wie prägen alte Menschen die Gesellschaft?

CHARLOTTE SAUER, NIENSTEDTEN, 103 JAHRE ALT

„Es gab in allen Jahren schöne und weniger schöne Zeiten, aber ich hatte ein herrliches Leben und war immer glücklich – auch jetzt …“  

Charlotte Sauer, 103

„Solange ich mich einigermaßen fühle, geht es mir gut. Der Gedanke an den Tod deprimiert mich nicht. Er ist wie ein Abschluss und macht mir keine Angst. Ich habe so viel erlebt in meinem Leben und alles genossen. Dieser Abschluss gehört dazu.

Es gab in allen Jahren schöne und weniger schöne Zeiten, aber ich hatte ein herrliches Leben und war immer glücklich – auch jetzt.

Meine Ziele und Wünsche sind, dass es mir weiterhin so gut geht in meinem hohen Alter und ich das Leben weiterhin genießen kann.

Je nach Veranlagung und äußeren Umständen prägt jeder Mensch, egal welchen Alters, die Gesellschaft mit. Wer Gutes gibt, erfährt Gutes.“

BILL RAMSEY, ALTONA, 86 JAHRE ALT

„Über den Tod denke ich nicht nach. Ich bin jetzt sehr glücklich, denn ich habe eine wunderbare Frau an meiner Seite, eine tolle Wohnung mit Blick auf die Elbe …“

Bill Ramsey, 86

„Als alter Mensch muss man mit der Gesundheit mehr aufpassen, ansonsten finde ich alles okay.

Alt ist, wenn man nicht mehr das machen kann, was man vorher beruflich gemacht hat. Als ich nicht mehr singen konnte, war das für mich das Zeichen, alt zu sein.

Der Vorteil ist: Man wird freundlich von jüngeren Leuten behandelt. Nachteil: Die Gesundheit nimmt ab. Ich sitze aufgrund eines Hüftbruchs im Rollstuhl und daran wird sich wohl nichts mehr ändern.

Über den Tod denke ich nicht nach. Ich bin jetzt sehr glücklich, denn ich habe eine wunderbare Frau an meiner Seite, eine tolle Wohnung mit Blick auf die Elbe, es ist alles sehr, sehr schön so, wie es jetzt gerade ist. Ich habe keine Ziele mehr, jedoch den Wunsch, dass sich meine Gesundheit wieder bessert.

Alte Menschen geben viel von ihrer Lebenserfahrung an jüngere Generationen weiter, das ist positiv.“

KURT GROBECKER, NIENSTEDTEN, 81 JAHRE ALT

„Ich habe den Eindruck, die Gesellschaft räumt den Alten zu viel Einfluss auf Entscheidungen ein, deren Konsequenzen sie nicht mehr mittragen müssen …“

Kurt Grobecker, 81

„Alt zu sein bedeutet nichts, solange es nicht mit erkennbaren geistigen Einschränkungen verbunden ist! Die körperlichen Beeinträchtigungen sind bis zu einem gewissen Grad durch geistige Regsamkeit „wegzudenken“. Das ist keine Theorie, sondern ein Stück Lebenserfahrung, und es lässt sich mit gutem Willen einstudieren.

Alt ist man erst, wenn man aufhört neugierig zu sein und damit die eigene Kreativität auf der Strecke bleibt.

Es gibt auch Vorteile: Dass junge Mädchen einem im Bus ihren Sitzplatz anbieten. Der Nachteil: Man ist manchmal gezwungen, das Angebot anzunehmen.

Der Gedanke an den Tod deprimiert mich absolut nicht! Nur der Gedanke, dass einige mir nahestehende Menschen am „Tag X“ traurig sein werden und es nicht in meiner Macht steht, ihnen das zu ersparen, trübt mir die Freude an der verbleibenden Zeit. Wann war ich glücklich? Als ich über solche Fragen nicht nachgedacht habe! Glück erschließt sich nicht im Augenblick des Erlebens, sondern es gewinnt seine Konturen im Erinnern. Unglück übrigens auch.

Was Ziele und Wünsche angeht: Ich halte mich an die Erkenntnis des Schiftstellers Hans Kudszus: Heute ist immer der Tag, an dem die Zukunft beginnt.

Ich wünsche mir, noch lange an die Zukunft glauben zu können (was manchmal schwerfällt) und ich hoffe, zumindest meine eigene Zukunft noch mitgestalten zu können.

Wer nun in einem Senioren-Biotop lebt, wenn auch im schönsten Hamburgs (Kurt Grobecker lebt in der Elbschloss-Residenz, d. Red.), der ist naturgemäß von alten Leute umgeben. Sie prägen das Bild auch außerhalb dieses ‚Biotops’. Da wird einem bewusst, dass der vielzitierte Spruch von der alternden Gesellschaft leider traurige Realität ist.

Ich habe oft den Eindruck, die Gesellschaft räumt den Alten zu viel Einfluss auf Entscheidungen ein, deren Konsequenzen sie selbst nicht mehr mittragen müssen. Viele sind sich dessen bewusst und sie krönen die Erkenntnis mit dem Kommentar: ‚Nur gut, dass ich schon so alt bin!’

Für diesen Tatbestand des unangemessen großen Einflusses habe ich allerdings nur die Diagnose, aber keine demokratische Therapie.

Als amüsant empfinde ich es, wenn alte Menschen sich beklagen, sie seien von zu vielen Alten umgeben. Alle wollen offenbar alt werden, aber keiner will alt sein!

ALBERT DARBOVEN, RISSEN, 80 JAHRE ALT

„Ich denke, dass meine Generation mit den Werten Disziplin, Respekt und Toleranz positive Beispiele vorlebt und somit die guten Sitten erhalten bleiben …“

FOTO: KAY BOHLMANN
FOTO: KAY BOHLMANN
Albert Darboven, 80

„Das biologische Alter spielt keine Rolle. Man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt! Wenn eine gute Gesundheit einen lebenslang begleitet hat und man mit Genugtuung Rückschau halten kann, die gemachten Fehler als sein Kapital ansieht, dann fällt es im Alter leichter, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Alt ist man erst, wenn das Gedächtnis nicht mehr mitmacht und wenn man als Hochleistungssportler seinen Dress an den Nagel hängen muss.

Der große Vorteil des Alters ist, dass ich aus Lebens- und Berufserfahrung heraus viele Dinge gelassen beurteilen und entscheiden kann. Ein Nachteil ist, wenn das Gehör und die Sehkraft nicht mehr wie gewohnt funktionieren.

Da ich sehr bewusst lebe, deprimiert mich der Gedanke an den Tod nicht. Ich weiß, dass ich ein Verfallsdatum habe und man muss dankbar sein, wenn das möglichst lange hinausgezögert wird. Das mir von meiner Mutter und meinem Schöpfer geschenkte Naturell hat mich früh zu der lebensbejahenden Aussage gebracht: ‚Aus Freude am Leben.’ Und dieses Lebensmotto gilt in jeder Lebensphase.

Mir ist es wichtig, dass in meiner Umgebung Menschen erkennen, dass es sich mit Liebenswürdigkeit, Harmonie und Fröhlichkeit besser leben lässt. Diese Haltung versuche ich weiterzugeben, indem ich versuche ein gutes Vorbild zu sein.

Ich denke, dass meine Generation mit den Werten Disziplin, Respekt und Toleranz positive Beispiele vorlebt und somit die guten Sitten erhalten bleiben.“ 

CHRISTA SCHULZE VAN LOON, NIENST., 93 JAHRE ALT

„Der demografische Wandel bedeutet eine Zunahme der Alten. Man muss also mit uns rechnen. Von der Erfahrung profitieren auch die Jüngeren …“ 

Christa Schulze van Loon, 93

„Alt zu sein ist Segen und Fluch gleichermaßen. Zum einen ist es eine Gnade, noch so rüstig und gesund im hohen Alter zu sein. Auf der anderen Seite ist es tragisch, wenn nach und nach die Freunde nicht mehr da sind.

Ich habe in meinem Leben Menschen gekannt, die waren schon mit 40 wie 60-Jährige und umgekehrt. Mein Mann und ich haben immer nach der Devise gelebt ‚mit frischem Mut und heiteren Sinn’. So lange man geistig und auch körperlich auf der Höhe ist, kann einem das Alter nicht so richtig etwas anhaben.

Vorteile mag ich am Alter nicht erkennen, außer, dass ich gerade das große Glück habe, vor wenigen Wochen Urgroßmutter geworden zu sein. Früher war es sicher ein Vorteil, wenn einem in öffentlichen Verkehrsmitteln ein Sitzplatz angeboten worden war. Dies ist heute in Zeiten von Internet und Social Media so gut wie undenkbar. Alle schauen wie hypnotisiert auf ihre Smartphones.

Nachteilig ist sicher die abnehmende Beweglichkeit. Aber mit Gymnastik und regelmäßigem Schwimmen lässt sich das ertragen.

Der Tot liegt nicht in unserer Hand und ich mache mir deswegen keinen Kopf. Humor ist, wenn man trotzdem lacht!

Wann war ich glücklich? Das lässt sich an einer Zeit nicht festmachen. Mein Mann und ich waren 60 Jahre verheiratet und glücklich. So etwas ist heute beinahe undenkbar. Die Familie und unser Freundeskreis haben einen wesentlichen Beitrag zum Glück geleistet.

Mein Ziel ist es nun, in Ehren die kommenden Jahre bei möglichst guter Gesundheit und wachem Geist zu verbringen. Mein Wunsch ist es, dass alle Familienmitglieder der Unbill zum Trotz ein erfülltes und segensreiches Leben weiterführen.

Da ich ein politischer Mensch bin, wünsche ich mir mehr Qualität und Realitätssinn unserer Politiker. Mehr Demokratie leben und weniger nur auf die Wiederwahl Rücksicht nehmen! Die bedeutet längere Legislaturperioden, aber nur eine Wiederwahl.

Der demografische Wandel bedeutet eine Zunahme der Alten. Man muss also mit uns rechnen. Von der Erfahrung und manchmal auch Weisheit profitieren auch die Jüngeren. Wenn hier ein Dialog entsteht, haben beide Seiten viel davon.“

JOCHIM WESTPHALEN, BLANKENESE, 80 JAHRE ALT

„In meinem Tod sehe ich eine gewisse Sinnlosigkeit. Man kommt auf die Welt, um zu sterben. Ich möchte noch so viele Dinge erleben, die neu sein werden …“  

Jochim Westphalen, 80

„Man sieht es an Freunden, dass man alt ist. Man selber glaubt nicht, dass man so alt aussieht, wie die anderen. Dass ich jetzt 80 bin, das habe ich erst auf dem Geburtstag realisiert. Es liegt auch an der modernen Zeit und der jungen Kleidung, dass ich mich nicht fühle wie ein 80-Jähriger.

Wenn man allerdings krank wird, geht das ganz schnell mit dem Alter. Ich hatte auch solche Phasen, mit 58 Jahren, als ich herzkrank wurde.

Ein Vorteil des Alters ist, dass wir unsere Enkelkinder bei uns zu Hause und viel Zeit für sie haben. Die Kinder haben unser Leben positiv beeinflusst. Nachteile sind die Gebrechen und auch Angst vor dem Tod. Man hört genau in sich hinein, ob man krank ist.

Mit dem Tod beschäftige ich mich vor allem in Bezug auf meine Frau, die herzkrank ist und die ich schon vier Mal gerade noch retten konnte, weil ich die Anzeichen früh genug erkannt habe und sie schnell ins Krankenhaus bringen konnte.

In meinem eigenen Tod sehe ich eine gewisse Sinnlosigkeit. Man kommt auf die Welt, um zu sterben. Ich möchte noch so viele Dinge erleben, die neu sein werden. Die Elbvertiefung zum Beispiel, oder ich wollte auch unbedingt mitbekommen, wenn die Elbphilharmonie eröffnet wird. Da habe ich mich immer gefragt, ob ich das noch erlebe.

Wann war ich glücklich? Eigentlich immer. Am allerglücklichsten auf See. Wenn der Lotse von Bord ging und ich alleine auf der Brücke war und alles seinen normalen Gang ging und das Schiff losmarschierte. Am schönsten war es, wenn dann noch meine Frau an Bord kam. Ich bin auch glücklich, wenn ich unten am Bootshaus bin. Das sind schöne Momente, wo man glücklich ist. Hier in Blankenese mit Blick durchs Tal auf die Elbe zu wohnen, ist das größte Glück, das man haben kann. Und das haben wir jeden Tag. Dadurch bin ich jeden Tag glücklich, auch wenn man manchmal traurig ist.

Mit Liebenswürdigkeit, Harmonie und Fröhlichkeit besser leben … 

FOTO: SANDUHR/LEIGH PRATHER
FOTO: SANDUHR/LEIGH PRATHER
Ich würde noch einmal gerne mit meiner Frau zu meiner Tochter nach Bermuda fliegen, die dort lebt. Dann ist die Reise mit der ‚Norwegian Jade’ von Hamburg nach Norwegen, Island, Shettland und Schottland ein Ziel. Und ansonsten, dass ich noch ein bisschen gesund lebe. Dass ich nicht lange leiden muss, bevor ich gehen muss.

Auf die Frage nach der Gesellschaft: Ich habe viel für Blankenese gemacht und die Jugend im Verein gefördert. Es ist wichtig, dass ältere Menschen auch die Jugend herankommen lassen, sie respektieren und ihnen Verantwortung überträgt. Das ist eine positive Beeinflussung der Gesellschaft durch alte Menschen. Einige können das Ruder aber nicht abgeben. Da steckt die Angst davor, was danach kommt. Die Kritik der älteren Menschen an der Jugend und dem modernen Leben stimmt nicht. Man lebt nur zu einer Phase, aber es geht immer weiter. Die Deutschen haben schon immer viel geschaffen, warum sollte das die heutige Generation nicht auch schaffen?

Autorin: louisa.heyder(at)kloenschnack.de
Mitarbeit: tim.holzhäuser(at)kloenschnack.de

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