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Faszination Hund 

HUNDELEBEN

Faszination Hund 

Essay 

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Mensch und Hund verbindet eine enge Freundschaft. Viele Besitzer sehen ihr Haustier als richtiges Familienmitglied an. FOTO: ASTAROT_FOTOLIA.COM 

Der Hund gilt als der beste Freund des Menschen. Nicht nur als treue Haustiere, sondern auch als hilfreiche Begleiter im Alltag sind die Vierbeiner aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Doch warum ist der Hund eigentlich so beliebt?


VON ELMAR SCHNITZER

Ein Wesen aus grauer Vorzeit, dessen Ur-Ahn vor gut 15.000 Jahren aus dem Dunst des Schöpfungsnebels trat, zieht uns heute magnetisch an und magisch in seinen Bann. Es trägt Fell, geht auf vier Pfoten und ist die Ursache der größten Seelenflucht des neuen Jahrtausends: Raus aus der gesellschaftlichen Kälte, in der vielfach schon der Nachbar ein Fremder ist, hin zum Wohlfühltier Hund, dem Kind des Wolfes. 66.500 Hamburger haben ihr Herz an Hunde verschenkt, mindestens. Eine Studie des Online-Magazins „Issn’ Rüde“ erhob Hamburg nach einem Vergleich mit 20 anderen Metropolen 2013 gar zur hundefreundlichsten Stadt der Bundesrepublik. Danach sind die beliebtesten Rassen in der Hansestadt Mischlinge, Labrador-Retriever und Jack-Russell-Terrier.

Nie zuvor gab es mehr Hunde in einer Nachkriegsgesellschaft

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FOTO: LILIYA KULIANIONAK_FOTOLIA.COM
Deutschlandweit nennen elf Millionen Menschen sieben Millionen Hunde ihr Eigen. Nie zuvor gab es mehr Hunde in einer Nachkriegsgesellschaft, nie zuvor hatten sie einen höheren Stellenwert, als Freunde und als Spiel gefährten, als Kümmerer und als Tröster, als Vertraute und als Weggefährten.

Hunde sind die Brüder und Schwestern unserer Seele. Bei ihnen finden die Menschen, was sie unter ihresgleichen so oft vergeblich suchen, Sympathie und Verständnis. Hunde lassen die Sonne für uns scheinen und verleihen uns Flügel, die uns über den Alltag erheben. Sie sind die Großmeister der Empathie, der Zauberformel für den Willen und die Fähigkeit, sich mit seinem Denken und Handeln auf Absichten, Emotionen, Gedanken und Persönlichkeitsmerkmale anderer einzustellen, ein Wir-Gefühl zu erzeugen und ein Wohlgefühl daraus zu formen. Auch als Helfer, Heiler und Kollegen waren sie nie gefragter als heute. Fast könnte man meinen, Hunde seien die besseren Menschen.

Grossmann & Berger
Sie riechen Krebs und Epilepsie. Sie erlösen psychisch Kranke aus ihrem Dunkel, öffnen Autisten und sorgen in Betrieben für ein besseres Klima: Streicheln gegen Stress, Gewinn-Maximierung durch vierbeinige Seelenmassage.

Sie sind die Augen von Blinden, das Gehör von Tauben, die Gliedmaßen von Gelähmten und die Verbündeten unserer Kinder.

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Besonders im Hamburger Westen sind Hunde als Haustiere sehr beliebt. Die zahlreichen Parkanlagen sowie der Elbstrand laden zu einem ausgiebigen Spaziergang an der frischen Luft ein. Hunde sorgen damit gleichzeitig für genügend Bewegung des Besitzers. Sportliche Aktivität wie Toben am Strand und Ballwerfen hält alle Beteiligten fit und bei guter Laune. FOTO: BLETTENBERG772_FOTOLIA.COM 
Als Besuchshunde sind sie Lichtgestalten und Botschafter der Lebensfreude für viele alte Menschen in Kliniken und Seniorenheimen.

In Gefängnissen wie Hanöversand, in denen sie zu „Gebrauchshunden“ ausgebildet werden, geben sie Strafgefangenen einen Lebensinhalt und sozialisieren sie gleichzeitig.

Der amerikanische Kinderpsychologe Boris Lewinson begründete in den 60er Jahren die sogenannte „tiergestützte Therapie“, heute Usus in Europa. Sein Golden Retriever Jingles hatte es geschafft, dass ein achtjähriger Autist wieder spricht.

Der erste, der mit einem Hund als Assistenten arbeitete, war jedoch Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse. Sein Chow Chow Jofi öffnete für ihn den Seelenkäfig einer extrem verschlossenen Patientin. Eine zufällige Begegnung mit ihr hatte Freud Jofis Gabe offenbart.

Wer einen Hund zum Freund hat, ist nie mehr allein, nie mehr einsam.

Auch bei Burnout-Gefahr, der tückischen Krankheit des „Zu schnell zu viel und des „Nie schnell und nie viel genug“ gelten Hunde inzwischen als hervorragende Therapeuten. Sie reduzieren Stress, wirken angenehm auf die Atmosphäre in Unternehmen ein und schaffen überdies ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl unter Mitarbeitern. 20 Millionen Deutsche erkranken jährlich an Mobbing und Burnout, der Pest unserer Tage. 

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FOTO: DRUCKI92_FOTOLIA.COM 
Was in kleinen Betrieben mit Ausnahmen seinen Anfang genommen hat und in großen absolut unerwünscht war, ist inzwischen längst keine Ausnahme mehr und vielfach sogar erwünscht, auch in Hamburg: Kollege Hund am Arbeitsplatz. An einem „Tag des Hundes“ in deutschen Betrieben, angeregt vom Deutschen Tierschutzbund, nehmen regelmäßig um die 1.000 Unternehmen teil. In Hamburg gab es vergangenes Jahr 330 Aktionen.

Hunde sind also nicht nur Fluchtburg der größten Seelenbewegung des neuen Jahrtausends geworden, sondern auch unverzichtbare Stütze von Medizin und Sozialgesellschaft.

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FOTO: JOEGAST_FOTOLIA.COM
Die Gründe, die sie für uns so wertvoll machen, sind auch der Moderne und ihren Mitbringseln geschuldet: Die Globalisierung hat die Welt zum Dorf geschrumpft, der Kuchen ist kleiner geworden, der Wettbewerb größer. Und rücksichtsloser. Je näher die Menschen zusammenrücken, je weiter entfernen sie sich voneinander. Kollegen werden zu Konkurrenten, Freunde zu Feinden. Zunehmender Druck und Konkurrenzkampf führen bei den einen zu Existenzangst, Egoismus und in die Isolation, bei den anderen ins soziale Abseits. Monetäre Sicherheit ist zur Insel geworden, die Rettung verheißt in einer Gesellschaft, die von allem den Preis aber von kaum noch etwas den Wert kennt. Was Ein- und Auskommen sichert, lässt die Seele erkalten, zumal die Familie vor allem in den Metropolen ihren Stellenwert als Motivationsstütze und psychisches Auffangbecken zunehmend mehr verliert. Ehen werden mit Ehe-Vertrag geschlossen und im Stundentakt geschieden, eine immer größer und immer älter werdende Singlegesellschaft vereinsamt in den Städten. Viele Alte werden in Heimen vergessen. Die soziale Schere klafft immer weiter auseinander. 


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Estha Baumann, 70, Blankenese, mit ihrem Englischen Setter Tobbi: „Wir haben seit 1986 Hunde. Früher hatten wir vor allem Dackel, die auch jagdlich geführt wurden. So waren wir auch immer viel Draußen und haben die Natur viel aktiver wahrgenommen und kennengelernt.“ 
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Juliane Lemcke, 49, Blankenese, mit ihrem italienischen Mischling Molly: „Ich wollte als Kind schon immer einen Hund haben und habe mir vor anderthalb Jahren diesen Traum erfüllt. Ich lerne total viel von meinem Hund. Er ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens.“
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Jens Peitscher, 48, Blankenese, mit seinem Irischen Terrier Flynn: „Das vierte Kind hat Fell! Unser Hund ist ein lustiges Kerlchen und hat sich zu einem richtigen Familienmitglied entwickelt, das einem viel Spaß bereitet. Zu mir und meiner Familie passt die Hunderasse Terrier am besten.“ 
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Silke Witt, 48, Blankenese, mit ihrem Dackel-Terrier-Mischling Ella: „Ich bin eher zufällig zu meinem Hund gekommen. Wir haben Ella als Pflegehund bekommen und dann behalten. Eigentlich wollten wir gar keinen eigenen Hund und nun ist sie der halbe Lebensmittelpunkt.“ 
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Gabi Bialas, 54, Halstenbek, mit ihrem Havaneser Lilly: „Wir haben uns einen Hund geholt, weil unsere Tochter sich einen gewünscht hatte. Es ist unser erster Hund und wir hätten gar nicht gedacht, wie sehr er zu einem Familienmitglied werden würde. Wir waren positiv überrascht.“ 
JalouCity
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Gassi-Beutel sind für saubere Gehwege unerlässlich. Trotzdem lassen viele Hundebesitzer die Haufen einfach liegen. 

FOTO: EUTHYMIA_FOTOLIA.COM
Verrohung und Kriminalität in den Städten haben teilweise ein beängstigendes Ausmaß angenommen. Auch angesichts der neuen Wertigkeit des Hundes für uns Menschen ist nun eine ethische Debatte um die Frage entbrannt, ob man den Tieren nicht endlich qua Gesetz zugestehen muss, was bisher einzig der Mensch für sich in Anspruch nimmt: Seele und Bewusstsein.

Tiere empfinden seit Anbeginn, was und wie wir empfinden. Freude, Schmerz, Lust, Leid, Sehnsucht. Sie lieben ihre Kinder wie wir und sie trauern wie wir. Sie haben eine eigene Kultur und ein Bewusstsein nicht nur für ihr Ich sondern auch für den eigenen Tod. Das hat der international führende Bewusstseins-Forscher Christof Koch als Ergebnis neuester Tierexperimente bestätigt. Ein Poet würde sagen: Kommen die Sinne zusammen, erscheint die Seele.

Wer einen Hund zum Freund hat, ist nie mehr allein, nie mehr einsam.

Elmar Schnitzer ist Autor der Bestseller „Kalle für alle“ und „Ein Glücksfall namens Paul“

Autor: Elmar Schnitzer, Mitarbeit: Louisa Heyder 
 

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