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Der Radler lebt gefährlich

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Der Radler lebt gefährlich

Unfälle

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Autobahnzufahrt der A7 in Othmarschen. An dieser Stelle überfuhr ein LKW die Christianeum-Schulleiterin Diana Amann.
2014 ist die Anzahl der verletzten und getöteten Radfahrer gestiegen. Seitdem Räder mit Autos die Fahrbahn teilen, kommt es verstärkt zu gefährlichen Situationen. Das Radfahrprogramm der Stadt könnte die Situation ab 2016 noch weiter verschärfen.

Die Statistik bekam ein Gesicht. Diana Amann, Direktorin des Gymnasiums Christianeum, fuhr am 12. Dezember 2015 früh morgens mit dem Rad zur Arbeit. Auf der Behringstraße wollte sie wie jeden Morgen die A7-Zufahrt Othmarschen überqueren. Ein abbiegender Lastwagenfahrer übersah die Radlerin und gab Gas. Diana Amann überlebte den Zusammenstoß schwer verletzt. Der LKW setzte seinen Weg fort.

Der Unfall blieb über Wochen Gesprächsthema. Zum einen, weil Diana Amann im Hamburger Westen vielen bekannt ist, und zum anderen, weil die Gefahr so offensichtlich ist. Wer sich an stark befahrenen Kreuzungen postiert, an denen Fahrräder, Autos und Fußgänger aufeinandertreffen (oder eben das Treiben an der Behringstraße sieht), kann im Fünf-Minuten-Takt erschrockene Bremsmanöver beobachten, Ausweichen in letzter Sekunde und hin und wieder eben auch eine Kollision. Bei Kreuzungen, in denen Radfahrer mit eigener Ampel quer durch den Verkehr geleitet werden (so etwa in der Altonaer Straße, Sternschanze) erscheint es als schieres Wunder, dass nicht täglich Verletzte und Tote auf der Fahrbahn liegen.

Bremsmanöver, Ausweichen in letzter Sekunde …

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Fünf Verletzte forderte dieser schwere Unfall auf der Elbchaussee am 19. Dezember 2015. Die historisch gewachsene Straße ist mit dem hohen Verkehrsaufkommen immer wieder überfordert. Kollisionen sind eine Folge. FOTO: K.H. WALLOCH 
Die Polizei Hamburg bestätigt die subjektive Wahrnehmung: Während 2013 ganze zwei Radfahrer getötet wurden, zählten die Beamten 2014 elf Tote. Die Zahl der Schwerverletzten stieg von 229 auf 244, die der Leichtverletzten von 2.000 auf 2.201 (bei letzteren existiert eine vergleichsweise hohe Dunkelziffer, da sich nicht jeder Leichtverletzte im Krankenhaus behandeln lässt und daher nicht unbedingt erfasst wird.

Betrachten wir die Anzahl der Verkehrstoten insgesamt – 2014 waren es 38 –, dann nehmen Radfahrer mittlerweile die Spitzengruppe ein, noch vor Fußgängern und Autofahrern (ausführliche Statistik siehe Kasten am Ende des Artikels).

Die Zahlen für 2015 waren zum Redaktionsschluss leider noch nicht bekannt, aber es ist ein weiterer Anstieg zu vermuten. Dies legen die Pressemitteilungen der Polizei nahe (zu sehen unter anderem auf www.medienportal.de/blaulicht/nr/6337. Die Berichte zählen nahezu im Tagestakt Unfälle auf, bei denen Radfahrer und Fußgänger „übergemangelt“ werden. Die Ursache ist bei fast allen Fällen dieselbe: fehlender Schulterblick beim Abbiegen. In der Vorstellung vieler Autofahrer scheinen unmotorisierte Verkehrsteilnehmer schlicht nicht zu existieren. Daraufhin deutet auch die zweite große Unfallursache hin: Öffnen der Autotür zur Fahrbahn hin, ohne Blick in den Spiegel.

Als Zwischenbilanz lässt sich sagen: Die Zusammenlegung von Rad- und Autoverkehr ist für Radfahrer offenkundig eine gefährliche Angelegenheit. 

Unfallträchtig ist das Abbiegen über Radfahrstreifen und Schutzstreifen

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Kreisverkehr Ecke Gasstraße/Daimlerstraße in Bahrenfeld. Für Autofahrer sind Kreisel häufig eine Erleichterung. Fahradfahrer und Fußgänger werden jedoch durch die höheren Geschwindigkeiten beim Abbiegen gefährdet. Der Radweg auf dem Bild links endet zudem abrupt hinter dem Zebrastreifen. Fahrräder weichen hier häufig auf die Fahrbahn aus.
In Hamburg wird sie jedoch forciert. Unter der Zielvorgabe, den Anteil des Radverkehrs von derzeit 12 auf 25 Prozent zu steigern, lässt die Stadt Radwege erneuern (50 Kilometer jährlich sind der Plan, der derzeit jedoch noch nicht erreicht wird). Die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation setzt daneben vor allem auf sogenannte Radfahrstreifen und Schutzstreifen, die auf der Fahrbahn verlaufen. Sie werden kombiniert mit eigenen Fahrradampeln oder aber der Pflicht, die Ampeln der Autofahrer mitzubenutzen. An Kreuzungen kommt es also regelmäßig zu den Situationen, die besonders unfallträchtig sind: Autos biegen über Radfahrstreifen und Schutzstreifen hinweg ab.

Die Zusammenlegung von Rad- und Autoverkehr wäre relativ gefahrlos also nur möglich, wenn die Reaktionszeit von Autofahrern zwangsweise verlängert wird. Das Mittel hierzu ist einfach: Tempo 30. Untersuchungen haben gezeigt, dass das Tempolimit die Überlebenswahrscheinlichkeiten von Fußgängern und Radfahrern bei Unfällen in etwa verdreifacht. Die Einführung von Tempo 30 wird in nahezu allen Hamburger Bezirken vermehrt gefordert, jedoch relativ selten umgesetzt. Die Gründe sind meist eher politisch als sachlich. So sagte ein Stadtplaner der Wochenzeitung „Die Zeit“ im Februar 2015, als Pläne zur Verkehrsberuhigung der Bundesstraße diskutiert wurden: „Wenn ich so etwas vorschlage, war’s das mit meiner Karriere.“ Der Autofahrer genießt in Hamburg offenbar noch immer die größere Lobby.

Tempo-30-Zonen erhöhen die Überlebensrate

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Bei Unfällen mit Personenschäden sind keineswegs „nur“ Fußgänger und Radfahrer die Opfer. Auch Autofahrer erleiden regelmäßig Schocks und müssen in Krankenhäusern behandelt werden. Das Klischee des rücksichtslosen Rüpels am Steuer stimmt selten. Unachtsamkeit und Ablenkung gelten als Hauptursachen für fehlerhaftes Fahren. FOTO: ©TOM WANG-FOTOLIA.COM 
Aber auch Radfahrer demonstrieren hier und da ein geradezu absurdes Selbstbewusstsein. Bei den Recherchen zu diesem Artikel musste der Redakteur nicht lange suchen, bis er Folgendes sah: Eine Frau um die 30 radelt in der Morgendämmerung über die schneebedeckte Fahrbahn in falscher Richtung durch eine Einbahnstraße. Freihändig. Ihre Hände, Augen, ihre gesamte Aufmerksamkeit braucht sie für ihr Smartphone, auf dem sie genau jetzt eine SMS tippen muss. Das Risiko schwerer Verletzung und verfrühten Ablebens scheint nicht ansatzweise so unangenehm wie der Verzicht auf Texte wie: Komme gleich nach Hause! oder Verspäte mich um 5 min.

Die Polizisten des PK 26, Blomkamp, wollen die Beobachtung jedoch nicht überbewertet wissen. Im Hamburger Westen sei die unbedachte Nutzung von Smartphones auf dem Fahrrad zwar zu beobachten, aber eher als Ausnahme. Der Durschnittsradler verhalte sich hier tendenziell vernünftig.

Fahrerflucht ist auch in Hamburg ein häufiges Delikt

Neben solchen Nachlässigkeiten steht kriminelles Verhalten. Eine der Haupttodesursachen für Fußgänger und Radfahrer ist das Ignorieren von roten Ampeln (das sich durch verstärktes Blitzen eindämmen ließe). So wurde unter anderen die Eimsbütteler Szenewirtin Stefanie Haver im Januar 2015 von einem Rotlichtraser überfahren und starb. Hinzu kommt Fahrerflucht. Dieses Delikt ist in Hamburg leider keine Rarität. Laut Polizeiangaben flieht jeder vierte Unfallverursacher – so wie jener LKW-Fahrer, der beinahe Diana Amann getötet hätte. Die Schulleiterin befindet sich nach Amputation eines Beines noch immer in der Rekonvaleszenz. Über ihre Rückkehr ans Christianeum war bis Redaktionsschluss noch nichts Definitives bekannt.

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FOTO: © EUTHYMIA-FOTOLIA.COM 
Der Fahrer des LKW konnte bis heute nicht ermittelt werden.

„Wie der damit leben kann“, wunderte sich jüngst eine Schüler-Mutter.

Wie, ist tatsächlich unklar. Aber er tut es.

Autor: tim.holzhaeuser(at)kloenschnack.de
Mitarbeit: louisa.heyder(at)kloenschnack.de

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