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Der große Handelskrieg

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Der große Handelskrieg

Einzelhandel gegen Internethandel – Keine Perspektive für Fachgeschäfte?

FOTO: ANDREY POPOV_FOTOLIAR.COM 
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Der Onlinehandel erreicht neue Höchststände in Deutschland. Dank zweistelliger Wachstumsraten geraten immer mehr Branchen und Produktsparten in scharfe Konkurrenz zu Amazon & Co. Trendforscher sagen einen heftigen Einbruch im stationären Handel voraus. Aber gilt das auch im Hamburger Westen? Eine Bestandsaufnahme.

Fünf Jahre ist es nun her, da erschien im KLÖNSCHNACK der Artikel „Vielen Dank für die Treue!“ – Strukturkrise im Einzelhandel. Damals ging es um eine auffällige Häufung von Geschäftsaufgaben, die zum Teile auf die Online-Konkurrenz zurückzuführen waren. 

Mitte Dezember titelte dann der „Spiegel“: „Das gelieferte Fest“ – Wie der Onlinehandel unser Leben revolutioniert. Der Artikel kam zu dem Schluss, dass dem stationären Handel allenfalls noch eine Atempause von wenigen Jahren bleibt. Untermauert wurde dies mit Zahlen: 2016 setzte der Onlinehandel 44 Milliarden um. 2005 waren es lediglich 6,4 Milliarden. Die jährlichen Steigerungsraten sind seitdem zweistellig, quer durch die Produktsparten. Sensationelle 51 Prozent der Deutschen nahmen sich 2017 vor, ihre Weihnachtsgeschenke ausschließlich online zu kaufen. Dementsprechend prognostiziert das Institut für Handelsforschung die Schließung von 30 Prozent aller stationären Filialen bis 2020.

Der Besuch eines Supermarkts könnte bald so exotisch sein, wie der einer Peep-Show …
Roven Schmidt, Gärtnerei Sannmann: „Der schnelllebige Trend wird weiter zunehmen und somit auch der Onlinehandel. Wir setzen deshalb weiterhin auf unsere hohe Qualität, um zu bestehen.“
Roven Schmidt, Gärtnerei Sannmann: „Der schnelllebige Trend wird weiter zunehmen und somit auch der Onlinehandel. Wir setzen deshalb weiterhin auf unsere hohe Qualität, um zu bestehen.“
Was bedeutet das für „Insellagen“ wie die Elbvororte? Der KLÖNSCHNACK hat sich erneut auf den Weg gemacht und nachgefragt. Reporterin Louisa Heyder traf Händler verschiedener Branchen, Kunden und auch willkürlich ausgewählte Passanten. Birgit Euler-Engelhardt etwa, Inhaberin des Bekleidungsgeschäfts „Markt 26“ in Nienstedten, verzeichnet steigende Kundenzahlen; ein Rückgang aufgrund des Internets ist nicht erkennbar. „Der entscheidende Vorteil zum Internet ist der Service, den wir im Laden bieten“, erklärt sie. „Wir beraten ehrlich und persönlich – auch bei schwierigeren Proportionen, da Ware in den Größen von 34 bis 48 im Sortiment ist.“ Auch einen Kaffee oder Prosecco sowie einen netten Plausch gibt es bei jedem Einkauf gratis, aber was letztlich zählt ist die Ware: „Den klassischen Landhausstil gibt es in der Auswahl nur bei uns. Auch viele unserer Marken sind in Deutschland nicht im Internet erhältlich. Somit stellt der Onlinehandel auch keine wirtschaftliche Bedrohung dar.“ Und dann zieht die Geschäftsfrau eine interessante Parallele: „Der Einzelhandel ist ein dienender Beruf – ähnlich wie die Gastronomie. Der Kunde möchte unterhalten und umsorgt werden. Dieser Service muss stimmen, damit der Kunde auch wiederkommt. Dies geht am besten mit persönlichem Kontakt.“ 

Birgit Euler-Engelhardt, „Markt 26“: „Wenn kleine Geschäfte weiterhin den persönlichen Service bieten, werden sie auch in Zukunft mit dem stärker werdenden Onlinehandel mithalten können.“   
Birgit Euler-Engelhardt, „Markt 26“: „Wenn kleine Geschäfte weiterhin den persönlichen Service bieten, werden sie auch in Zukunft mit dem stärker werdenden Onlinehandel mithalten können.“   
Der Handel mit Bekleidung gilt als besonders anfällig für Konkurrenz aus dem Netz und dementsprechend sind Geschäftssituationen wie die von „Markt 26“ längst nicht mehr die Regel, auch in den Elbvororten nicht. Anders sieht es im Handel mit Lebensmitteln aus. Die Online-Bestellung von Milch und Lachs ist in Deutschland noch eine winzige Nische. Aber der Blick ins Ausland zeigt, wohin die Entwicklung führen könnte. Lebensmittelhandel in China: Zwischen dem Bestellvorgang im Online-Shop und der Lieferung an die Haustür liegt wie viel Zeit? Eine Stunde. Vor diesem Hintergrund könnte der Besuch eines Supermarkts bald so exotisch sein, wie der einer Peep-Show, mit Koberer und Samtvorhang.

In Deutschland sind die offline-Umsätze noch so gewaltig, dass Konzerne wie Amazon und REWE gar nicht anders können, als sich ihren Teil der künftigen Umsätze zu sichern.

In den Elbvororten herrscht bei den meisten Händlern Zuversicht.
Gunnar Laatzen, Uhrmachermeister: „Noch vor fünfzehn Jahren hat unser Uhrenhandel die Werkstatt subventioniert. Heute ist es umgekehrt. Ich habe mich von Marken getrennt, die ihre Vertriebswege nicht sauberhalten und überall unter Listenpreis zu kaufen sind. Das führt zu nichts. Ich setze neben der Werkstatt auf Marken wie Junkers oder meine Eigenmarke Montrel, die sehr gut läuft.“
Gunnar Laatzen, Uhrmachermeister: „Noch vor fünfzehn Jahren hat unser Uhrenhandel die Werkstatt subventioniert. Heute ist es umgekehrt. Ich habe mich von Marken getrennt, die ihre Vertriebswege nicht sauberhalten und überall unter Listenpreis zu kaufen sind. Das führt zu nichts. Ich setze neben der Werkstatt auf Marken wie Junkers oder meine Eigenmarke Montrel, die sehr gut läuft.“
In den Elbvororten herrscht bei den meisten Lebensmittelhändlern dennoch Zuversicht. Ruger Reitz von der Bio-Metzgerei Fricke etwa sagt: „Wir bieten online die Möglichkeit für Weihnachtsbestellungen, die dann am Stand abgeholt werden können. Dieses Angebot müssen wir heutzutage einfach machen. Ansonsten ist der Online-Lebensmittelhandel keine Bedrohung für uns, weil der Transport von Frischfleisch sehr schwierig ist. Eine Kühlbox beim Versand reicht für die wichtige Kühlkette nicht aus.“

Nathalie Gideon vom Fischhuus in Blankenese sieht das ähnlich: „Für uns und unsere Kunden ist das Internet ein reines Informationsmedium zum Lebensmittel Fisch. Die Kunden wollen den frischen Fisch vorher sehen und vor Ort auswählen. Außerdem wollen sie persönlich beraten werden. Der Fischkauf ist eine Vertrauenssache.“

Aber es gibt auch andere Stimmen. Roven Schmidt etwa von der Demeter Gärtnerei Sannmann räumt ein: „Wir merken die Zunahme des Online-Lebenmittelhandels stark. Es fing an mit den Aboboxen, bei denen sich Kunden das Gemüse nach Hause liefern lassen können. Auch sehr günstige Preise in Supermärkten schädigen den Markt, da das Gemüse zum Einkaufspreis verkauft wird und der Gewinn durch andere Produkte wie beispielsweise Wein wieder hereingeholt wird. All das führt dazu, dass wir weniger verkaufen und Personal einsparen müssen.“

Welche Bandbreite der Onlinehandel mittlerweile hat, zeigt auch das Verhalten der Banken mit Filialnetz. Die Haspa startete im Juni 2017 ihr Projekt „Filiale der Zukunft“. Obwohl es hier nicht um Boskop und Annabelle geht, wünscht man sich „Regionalität zum Anfassen“. Die neuen Haspa-Filialen sollen zu lokalen Treffpunkten werden, mit Angeboten, die „auch über das klassische Banking hinausgehen“. 

Harald Kruse, Inhaber von „Vom Fass“: „Auch wenn die Ladenmiete in Blankenese hoch ist, haben wir eine treue Kundschaft und eine persönliche Beziehung zu ihr. Man kennt sich und kommt schnell ins Gespräch – auch die Kunden untereinander. Der Onlinehandel beeinflusst uns nur bedingt, da bei uns in Ruhe ausprobiert werden kann. So entsteht ein Erlebniseinkauf. Außerdem liegt der Altersdurchschnitt unserer Kunden relativ hoch, sodass diese wenig im Internet bestellen. Der Online-Lebensmittelversand wird wahrscheinlich weiter zunehmen. Doch dann sind meine Frau und ich hoffentlich schon in Rente.“
Harald Kruse, Inhaber von „Vom Fass“: „Auch wenn die Ladenmiete in Blankenese hoch ist, haben wir eine treue Kundschaft und eine persönliche Beziehung zu ihr. Man kennt sich und kommt schnell ins Gespräch – auch die Kunden untereinander. Der Onlinehandel beeinflusst uns nur bedingt, da bei uns in Ruhe ausprobiert werden kann. So entsteht ein Erlebniseinkauf. Außerdem liegt der Altersdurchschnitt unserer Kunden relativ hoch, sodass diese wenig im Internet bestellen. Der Online-Lebensmittelversand wird wahrscheinlich weiter zunehmen. Doch dann sind meine Frau und ich hoffentlich schon in Rente.“

Jens Peitscher, Inhaber von „Elektro Duncker“: „Im Internet herrscht ein No-Service-System, das Ware günstiger anbietet als im Einzelhandel. Das können und wollen wir nicht mitmachen! Große Onlinehändlerfirmen stellen zur Weihnachtszeit extra Personal ein, das danach wieder gekündigt wird. Ich bezahle meine Mitarbeiter das ganze Jahr über. Bei allen Produkten, die sich leicht transportieren lassen und sich selbst erklären, merke ich die Einbuße. Bei großen Geräten wie Waschmaschinen weniger. Hierbei wollen Kunden richtigen Service und Beratung.“  
Jens Peitscher, Inhaber von „Elektro Duncker“: „Im Internet herrscht ein No-Service-System, das Ware günstiger anbietet als im Einzelhandel. Das können und wollen wir nicht mitmachen! Große Onlinehändlerfirmen stellen zur Weihnachtszeit extra Personal ein, das danach wieder gekündigt wird. Ich bezahle meine Mitarbeiter das ganze Jahr über. Bei allen Produkten, die sich leicht transportieren lassen und sich selbst erklären, merke ich die Einbuße. Bei großen Geräten wie Waschmaschinen weniger. Hierbei wollen Kunden richtigen Service und Beratung.“  

Harald Jensen, Inhaber von „Blickfang Augenoptik“: „Die Konkurrenz im Internet spüren wir ganz stark im Verkauf von Sonnenbrillen. Bei normalen Brillen weniger, da diese Service vor Ort benötigen, um die Brille richtig einzustellen. Ich wurde schon häufiger von Onlinehändlern wie Mr. Spexx angesprochen, ob ich Partneroptiker werden möchte. Das wollte ich aber nie, da ich für sehr wenig Geld meinen Service für asiatische Onlinebrillen zur Verfügung stellen sollte. Ich arbeite stattdessen lieber mit Brillen Butler zusammen. Dort kann ich online Brillenmodelle und -marken bestellen, die der Kunde dann bei mir im Laden erhält. Service inklusive.“  
Harald Jensen, Inhaber von „Blickfang Augenoptik“: „Die Konkurrenz im Internet spüren wir ganz stark im Verkauf von Sonnenbrillen. Bei normalen Brillen weniger, da diese Service vor Ort benötigen, um die Brille richtig einzustellen. Ich wurde schon häufiger von Onlinehändlern wie Mr. Spexx angesprochen, ob ich Partneroptiker werden möchte. Das wollte ich aber nie, da ich für sehr wenig Geld meinen Service für asiatische Onlinebrillen zur Verfügung stellen sollte. Ich arbeite stattdessen lieber mit Brillen Butler zusammen. Dort kann ich online Brillenmodelle und -marken bestellen, die der Kunde dann bei mir im Laden erhält. Service inklusive.“  
Hintergrund: Niedrige Zinsen und die Konkurrenz der Online-Finanzdienste. Viele klassische Dienstleistungen eines Bankangestellten sind ins Netz gewandert. Die Finanzierung eines klassischen Filialnetzes ist keineswegs mehr selbstverständlich.

Zurück zum Einzelhandel. Besonders ärgerlich wird es hier, wenn ein Onlinekauf offline vorbereitet wird – wenn sich also ein Käufer alle Informationen beim Händler um die Ecke holt und dann online bestellt. Auch Uhrmachermeister Gunnar Laatzen aus Blankenese berichtet von Kunden, die mit dem Amazon-Onlineausdruck in seine Ladenwerkstatt kommen und Rabatt fordern. Als Reaktion hat er sich von allen Marken getrennt, die online überall weit unter Listenpreis zu haben sind und setzt auf Nischen. 

Nina Kirschstein, 39, aus Iserbrook: „Ich kaufe gerne Kleidung für mich im Internet, weil ich aufgrund der Kinder keine Zeit mehr dafür finde, in einen Laden zu gehen. Ansonsten kaufe ich so wenig wie möglich online, da das Einkaufen im Geschäft deutlich schöner ist. Gerade die kleinen Läden sind individuell und haben besondere Sachen. Auch das Kinderspielzeug ist deutlich besser im Einzelhandel. Frische Lebensmittel wie Obst oder Gemüse kaufe ich am liebsten auf dem Markt, da ich sie vorher anschauen kann.“ 
Nina Kirschstein, 39, aus Iserbrook: „Ich kaufe gerne Kleidung für mich im Internet, weil ich aufgrund der Kinder keine Zeit mehr dafür finde, in einen Laden zu gehen. Ansonsten kaufe ich so wenig wie möglich online, da das Einkaufen im Geschäft deutlich schöner ist. Gerade die kleinen Läden sind individuell und haben besondere Sachen. Auch das Kinderspielzeug ist deutlich besser im Einzelhandel. Frische Lebensmittel wie Obst oder Gemüse kaufe ich am liebsten auf dem Markt, da ich sie vorher anschauen kann.“ 
Tim Wember, 19, aus Bahrenfeld: „Bis auf die Kleidung und Lebensmittel kaufe ich eigentlich alles online ein. Besonders technische Dinge oder auch Videospiele. Das Internet bietet einfach eine deutlich größere Auswahl. Außerdem gibt es dazu genaue Beschreibungen der Produkte und Erfahrungsberichte von anderen Käufern. Der Onlinehandel wird sich bestimmt noch vergrößern. Bei den Weihnachtsgeschenken habe ich auch viel im Internet bestellt. Lediglich Kleinigkeiten habe ich im Laden gekauft.   
Tim Wember, 19, aus Bahrenfeld: „Bis auf die Kleidung und Lebensmittel kaufe ich eigentlich alles online ein. Besonders technische Dinge oder auch Videospiele. Das Internet bietet einfach eine deutlich größere Auswahl. Außerdem gibt es dazu genaue Beschreibungen der Produkte und Erfahrungsberichte von anderen Käufern. Der Onlinehandel wird sich bestimmt noch vergrößern. Bei den Weihnachtsgeschenken habe ich auch viel im Internet bestellt. Lediglich Kleinigkeiten habe ich im Laden gekauft.   
Dr. Christin Siebert, 36, aus Blankenese: „Ich kaufe die allermeisten Dinge hier im Ort. Ich finde, Blankenese bietet von seinen Läden her praktisch alles, was man benötigt. Lediglich bestimmte Artikel kaufe ich im Internet – technische Geräte wie eine Anlage beispielsweise. Außerdem bekomme ich die Windeln für mein Kind direkt nach Hause geliefert. Bei Kinderkleidung gucke ich ebenfalls gerne online. Dennoch ist mir der lokale Einzelhandel sehr wichtig und ich werde ihn weiter unterstützen.“
Dr. Christin Siebert, 36, aus Blankenese: „Ich kaufe die allermeisten Dinge hier im Ort. Ich finde, Blankenese bietet von seinen Läden her praktisch alles, was man benötigt. Lediglich bestimmte Artikel kaufe ich im Internet – technische Geräte wie eine Anlage beispielsweise. Außerdem bekomme ich die Windeln für mein Kind direkt nach Hause geliefert. Bei Kinderkleidung gucke ich ebenfalls gerne online. Dennoch ist mir der lokale Einzelhandel sehr wichtig und ich werde ihn weiter unterstützen.“

Andere Händler diskutieren Gegenmaßnahmen. Erwogen wurde in kleinem Kreis zum Beispiel eine „Beratungsgebühr“, die beim Einzelhändler zu entrichten ist. Die Gebühr wird beim Kauf eines Produkts verrechnet. Durchsetzbar? Eher nicht. Kein Kunde wird dafür zahlen, dass ein Produkt gerade nicht in seiner Größe vorhanden ist. Eine andere Idee ist die Besteuerung des Onlinehandels. Auch hier erscheint die Umsetzung schwierig bis unmöglich. Wenn REWE seine Produkte online auflistet und mit einem Abholservice im stationären Markt verbindet – was ist das? Ein Online-Offline-Zwitter? Auch wettbewerbsrechtlich ist eine Sondersteuer schwer vorstellbar. Aus all den Stimmen ergibt sich nun ein vielfältiges Bild und der Eindruck, dass sich gerade die Rolle des Händlers grundlegend wandelt. Die klassische Mittlerposition (günstig einkaufen, teuer weiterreichen) ist tot. Wer der „Revolution“ („Spiegel“) jedoch mit Ideen und Flexibilität begegnet, könnte zu den Gewinnern gehören.

Autoren: louisa.heyder(at)kloenschnack.de
tim.holzhaeuser(at)kloenschnack.de

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