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Das Kreuz mit der Kirche 

RELIGION 

Das Kreuz mit der Kirche 

Gott, Glaube und Gemeinde

Die Orgel in der Kirche Sankt Michaelis („Michel“) FOTO: M.SCHWARTZ
Die Orgel in der Kirche Sankt Michaelis („Michel“) FOTO: M.SCHWARTZ
Fallen wir vom Glauben ab? Erreicht die Kirche bei uns noch die Menschen? Wie kritikfähig sind die Geistlichen? Ist „Kirche“ noch zeitgemäß?

Rhetorisch brillant, kämpferisch, mit Verve und Überzeugung vorgetragen – wer Vorträge und Diskussionsrunden mit dem Oxford-Professor Richard Dawkins hört, der findet sich in einer mitreißenden Debatte wieder. Dawkins ist der bekannteste Vertreter des Atheismus. Der Evolutionsbiologe tritt regelrecht in den Ring, vornehmlich in den USA, liefert sich Schlagabtausche mit Geistlichen aller Religionen – die er regelmäßig wie Heuchler oder gleich wie Dummköpfe aussehen lässt.

Der deutsche Zuhörer bemerkt aber auch schnell: Das ist nicht unsere Debatte. Der Ernst, die Hysterie und die Gewalttätigkeit, die den Streit um religiöse Deutungshoheit in den USA umgeben, fehlen in Deutschland bekanntermaßen völlig. Die Kirchen sind leer, das Temperament im Keller, die „Nachfrage“ sinkt. Allein im Kirchenkreis Hamburg-Ost sollen laut Synode bis 2026 ein Drittel der Gotteshäuser aufgegeben werden. In ganzen Land blieb die Zahl der Kirchenaustritte auch 2016 auf hohem Niveau. Insgesamt verließen 352.093 Mitglieder die katholische und evangelische Kirche (162.093 und 190.000).

Die Zahl der Kirchenaustritte blieb auch 2016 auf hohem Niveau.

Christine Mertin, 49, aus Pinneberg und Mirjam Doerr, 52, aus Rosengarten: „Wir sind entschiedene Christinnen der evangelischen Freikirche. Ausgeübte Religion spielt in Deutschland immer weniger eine Rolle, da viele nicht mehr mit dem Herzen dabei sind. Und dennoch suchen sie nach innerem Frieden und finden ihn letztlich im Glauben. Daran wird sich in Zukunft auch nichts ändern, da Glaube und Religion zwei verschiedene Dinge sind. Selbst wenn einige Menschen aus der Kirche austreten – das Bedürfnis zum Glauben bleibt bestehen.“ 
Christine Mertin, 49, aus Pinneberg und Mirjam Doerr, 52, aus Rosengarten: „Wir sind entschiedene Christinnen der evangelischen Freikirche. Ausgeübte Religion spielt in Deutschland immer weniger eine Rolle, da viele nicht mehr mit dem Herzen dabei sind. Und dennoch suchen sie nach innerem Frieden und finden ihn letztlich im Glauben. Daran wird sich in Zukunft auch nichts ändern, da Glaube und Religion zwei verschiedene Dinge sind. Selbst wenn einige Menschen aus der Kirche austreten – das Bedürfnis zum Glauben bleibt bestehen.“ 

Gerd Schreiber, 90, aus Groß Flottbek „Die Leute haben heutzutage ganz andere Sorgen, weil sich die Welt negativ verändert. Da kann die ausgelebte Religion wenig verändern. Ich selbst bin vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, weil mir die Kirchensteuer zu hoch war. Meine Enkelin ist aus demselben Grund ausgetreten.” 
Gerd Schreiber, 90, aus Groß Flottbek „Die Leute haben heutzutage ganz andere Sorgen, weil sich die Welt negativ verändert. Da kann die ausgelebte Religion wenig verändern. Ich selbst bin vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, weil mir die Kirchensteuer zu hoch war. Meine Enkelin ist aus demselben Grund ausgetreten.” 
Die Kirche verliert nicht nur die Basis, auch die Spitzen wenden sich ab. Als Gerhard Schröder 1998 als erster Kanzler seinen Amtseid ohne die Formel „So wahr mir Gott helfe“ sprach – selbst da war die Debatte ein Lüftchen. Man stelle sich heute einen Bundeskanzler vor, der religiöses Denken als Leitlinie seiner Regierungsgeschäfte betrachtete (analog zu einzelnen US-Präsidenten). Er wäre aus der Sicht der meisten Wähler ein Sonderling mit gefährlicher Nähe zu Wahnvorstellungen. Unwählbar.

Der Bedeutungsverlust zeigt sich auch an der Wandlung der Kirchen hin zu einer Art Label. Stichwort Kommerzialisierung. Wer religiöse „Leitmedien“ wie etwa die Zeitschrift „Chrismon“ studiert, der erkennt das Prinzip: Eine Wohlfühlpublizistik, die offenbar dazu dient, Rotweinpakete und Bildungsreisen zu verkaufen. Die Nähe zur Religion gibt hier alltäglichen Produkten mehr Glanz, so wie Möbelpolitur einer Antiquität. 

Der Glaube hat kaum noch Relevanz für das Alltagsleben der Menschen. 

Prof. Richard Dawkins, Evolutionsbiologe und Atheist: „Ich denke, die Geschichte der Religion kann faszinierend sein, genau wie die Geschichte der Kunst ... Aber ich denke nicht, dass Religion uns etwas Nützliches lehren kann.“ FOTO: SHANE POPE 
Prof. Richard Dawkins, Evolutionsbiologe und Atheist: „Ich denke, die Geschichte der Religion kann faszinierend sein, genau wie die Geschichte der Kunst … Aber ich denke nicht, dass Religion uns etwas Nützliches lehren kann.“ 
FOTO: SHANE POPE 
Ähnlich dürfte sich auch die neuerliche Zugkraft (christlicher) konfessioneller Schulen erklären lassen. Die wenigsten Eltern wünschen sich religiöse Indoktrination ihrer Kinder. Aber viele Trittbrettfahrer wissen: Ein religiöses Elternhaus ist häufig gleichzeitig ein engagiertes, achtsames Elternhaus und es ist in aller Regel weiß.

Die Katholische Schule in Hamburg dürfte das erkannt haben. Die aktuelle Werbekampagne (im Hamburger Westen zu sehen z.B. in der S-Bahn) serviert säkulare Allerweltsslogans neben Kindergesichtern: „So sieht Lebensfreude aus.“ „So sieht Kreativität aus.“ Nur einmal heißt es „So sieht Gottvertrauen aus.“ Eines der Kinder ist schwarz, eines asiatisch. Die arabische Halbinsel kommt nicht vor, was vielen Eltern recht sein dürfte.

Was sind nun die Gründe für den Rückzug der Religion aus unserer Gesellschaft? Atheisten wie Richard Dawkins erklären die Abkehr mit hehren Worten: Aufklärung, Bildung, Humanismus. 

Studien, wie z.B. die der Universität Münster aus dem Jahr 2015, stellen abnehmende Relevanz fest. Danach wird das kirchliche Angebot als wenig attraktiv empfunden. Auch das Verhalten der Geistlichen kann nicht mehr punkten. Insgesamt habe auch der Glaube selbst kaum noch Relevanz für das Alltagsleben und die Grundhaltung der Menschen.

Diese Erklärung ist überzeugend, befriedigt jedoch nicht vollständig. Denn: Auch in unserer modernen und bis zur Erschöpfung aufgeklärten Gesellschaft findet noch der größte Blödsinn Absatz. Die Menschen glauben weiterhin an Homöopathie, Geisterheiler, an Fett absorbierende Ananas, an Cremes, die den Alterungsprozess stoppen und an Horoskope. Als der KLÖNSCHNACK einmal unter der Rubrik „Arbeitsplatz“ eine Wahrsagerin vorstellte, klingelten wochenlang die Telefone. Leserinnen riefen an, verlangten Kontaktdaten und sorgten dafür, dass die Kasse ratterte. Letztlich reagieren viele Menschen auf die Heilsversprechen von Quacksalbern wie im Mittelalter. Sie glauben.

Cornelia Keirat, 64, aus Rissen: „Der Grund für die vielen Kirchenaustritte ist geschichtlich durch die schlechten Taten der katholische Kirche bedingt. Die Menschen wachen immer mehr auf. Die Kirche müsste sich rundum erneuern, damit sich daran etwas ändert. Jeder muss seinen eigenen Glauben für sich finden.” 
Cornelia Keirat, 64, aus Rissen: „Der Grund für die vielen Kirchenaustritte ist geschichtlich durch die schlechten Taten der katholische Kirche bedingt. Die Menschen wachen immer mehr auf. Die Kirche müsste sich rundum erneuern, damit sich daran etwas ändert. Jeder muss seinen eigenen Glauben für sich finden.” 

Alexander Möller, 21, aus Niendorf „Kirchen sind nicht mit der Zeit gegangen. In anderen Ländern wie beispielsweise Amerika werden jüngere Menschen besser angesprochen. Unsere Kirche ist da altmodisch. Der Glaube wandelt sich zur Wissenschaft – also muss sich die Religion ebenso wandeln.”
Alexander Möller, 21, aus Niendorf „Kirchen sind nicht mit der Zeit gegangen. In anderen Ländern wie beispielsweise Amerika werden jüngere Menschen besser angesprochen. Unsere Kirche ist da altmodisch. Der Glaube wandelt sich zur Wissenschaft – also muss sich die Religion ebenso wandeln.”

Jordis Brodzinski, 22, aus Pinneberg „Immer weniger Menschen wachsen mit der Verbindung zur Religion auf. Ich bin auch nicht in der Kirche und nie damit in Kontakt gekommen. Religion könnte jedoch bei einigen irgendwann auch wieder eine größere Rolle spielen, da viele nach Erklärungen für ungewisse Dinge suchen.” 
Jordis Brodzinski, 22, aus Pinneberg „Immer weniger Menschen wachsen mit der Verbindung zur Religion auf. Ich bin auch nicht in der Kirche und nie damit in Kontakt gekommen. Religion könnte jedoch bei einigen irgendwann auch wieder eine größere Rolle spielen, da viele nach Erklärungen für ungewisse Dinge suchen.” 
Bleibt die Frage nach einer möglichen Rückkehr der Religion …  

Daraus könnte man nun folgern, dass es zu allen Zeiten einen Teil der Gesellschaft gab, der für Logik nicht zugänglich ist. Wer ihm angehört, der lässt sich mit Fakten nicht überzeugen; er glaubt selbst an Vorgänge, die den Naturgesetzen des Planeten grob widersprechen.

Nicht verschwiegen sei, dass es auch theologische Interpretationen für den Niedergang der Kirche gibt. Der evangelische Wissenschaftler Dr. Benjamin Hasselhorn, geboren 1986, ist Autor des Buches „Das Ende des Luthertums“. Auf der Leipziger Buchmesse 2017 sagte er: „Ich kenne niemanden in meiner Generation, der ernsthaft in der Kirche engagiert ist.“ Der Grund sei in der Geschichte des Protestantismus zu suchen. Das lutherische Menschenbild der Sündhaftigkeit seit der Aufklärung unterlegen. „Der aufgeklärte Mensch empfindet sich nicht als unzulänglich oder als Sünder. Da hat das klassische Luthertum schlechte Karten.“

Gorch Fock, Autor (1880–1916), ertrunken im Skagerrack: „Ich weiß nicht, wohin mich Gott führt, aber ich weiß, dass er mich führt.“ 
Gorch Fock, Autor (1880–1916), ertrunken im Skagerrack: „Ich weiß nicht, wohin mich Gott führt, aber ich weiß, dass er mich führt.“ 
Nun wird die Säkularisierung in Deutschland nicht einhellig begrüßt. Ein gewichtiges Gegenargument ist die wohltätige Arbeit der Kirchen. Tatsächlich gibt es in Hamburg rührige Gemeinden mit einer Vielzahl an Angeboten (die sich auch monatlich auf den Kirchenseiten des KLÖNSCHNACKS finden und sich Zuspruchs erfreuen). Würde dort, ginge die Entwicklung weiter, bald kalte Ödnis herrschen?

Wenig wahrscheinlich. Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Religiosität und dem Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen. (Es wäre sogar befremdlich, wenn Menschen nur dann helfen, wenn ihre jeweilige Religion die entsprechende Anweisung gibt.) Vielmehr könnte die Mildtätigkeit religiöser Menschen ein Anachronismus sein. Wenn in früheren Gesellschaften jeder Mensch religiös war, dann konnte positives Sozialverhalten auch ausschließlich von ihnen ausgehen. Daraus folgt aber nicht viel, wie auch der US-Philosoph und Neurowissenschaftler Sam Harris feststellte: „Die meisten Menschen, die damals Hühner gerupft haben, haben das mit dem Glauben an Gott getan. Das heißt aber nicht, dass man heute an Gott glauben muss, um ein Hühnchen zu rupfen.“ 

Abschließend bleibt die Frage nach einer möglichen Rückkehr der Religion, etwa durch verstärkte Bemühungen der christlichen Kirchen oder durch Einwanderer. Versuche gibt es durchaus. Da ist zum einen die Aktivität rund um das „Luther-Jahr“ 2017 und den Reformationstag, der erstmalig bundesweit begangen wird. Es wäre jedoch sehr überraschend, wenn Menschen diesen Tag, statt ihn als arbeitsfreie Zeit zu genießen, tatsächlich als Anlass zur Religionsausübung sehen würden.

Um die Nienstedtener Kirche schön zu finden, braucht es keiner besonderen Religiosität. Das Gotteshaus ist eine beliebte Heiratskirche und ein Stück Lokalhistorie.
Um die Nienstedtener Kirche schön zu finden, braucht es keiner besonderen Religiosität. Das Gotteshaus ist eine beliebte Heiratskirche und ein Stück Lokalhistorie.

Die Katholische Kirche in Blankenese. Während die katholische Kirche bundesweit durch Missbrauchskandale auf sich aufmerksam macht, verläuft das Gemeindeleben in Hamburg harmonisch, wenn auch auf kleinem Niveau.
Die Katholische Kirche in Blankenese. Während die katholische Kirche bundesweit durch Missbrauchskandale auf sich aufmerksam macht, verläuft das Gemeindeleben in Hamburg harmonisch, wenn auch auf kleinem Niveau.
 Auch die Forderung nach religiöser Toleranz, geführt zum Beispiel von Muslimen, scheint der Säkularisierung eher in die Hände zu spielen. So baten muslimische Studierende der Uni Hamburg jüngst, die Vorlesungen nach den islamischen Gebetszeiten zu richten. Der Vorschlag wurde abgelehnt (und die Vollverschleierung während Prüfungen gleich mit verboten). Man mag sich die Erleichterung der Verantwortlichen vorstellen, dass derlei Nonsens in Deutschland so leicht zu begegnen ist.

Autor: tim.holzhaeuser(at)kloenschnack.de
Mitarbeit: Louisa Heyder  

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