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Bei einem Taifun in den Mast

SEEFAHRT

Bei einem Taifun in den Mast

Aus dem Leben eines Blankeneser Kapitäns

Die „Muansa“ wurde 1911 bei der Werft Bremer Vulkan für die Reederei Deutsche Ost-Afrika-Linie (DOAL) gebaut. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges brachte die Besatzung das Schiff in Argentinien in Sicherheit und 1920 wurde es nach Deutschland zurückgeschleppt.    
Die „Muansa“ wurde 1911 bei der Werft Bremer Vulkan für die Reederei Deutsche Ost-Afrika-Linie (DOAL) gebaut. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges brachte die Besatzung das Schiff in Argentinien in Sicherheit und 1920 wurde es nach Deutschland zurückgeschleppt.    
In den Elbvororten können viele Geschichten rund um die Seefahrt erzählt werden. Wenige sind so gut dokumentiert wie die um Sven Behrmann. Dank Tochter Adda, die viele Dokumente gesammelt hat.

Bilder, Fotografien, Gedichte, Zeitungsausschnitte – Adda Knabe-Behrmann hat einen Ordner über das Leben ihres Vaters prall gefüllt. Im Mittelpunkt dabei steht ein Ereignis, das bald 100 Jahre zurückliegt. Ein Vorfall, der Adda Knabe- Behrmann heute noch aufwühlt. „Mein Vater war ein Held“, so die gebürtige Berlinerin.

Sven Oskar Behrmann als vierter Offizier auf dem Frachter „Muansa“, dem damals vierten Schiff der Deutschen Ost-Afrika-Linie 
Sven Oskar Behrmann als vierter Offizier auf dem Frachter „Muansa“, dem damals vierten Schiff der Deutschen Ost-Afrika-Linie 
Wäre der Fall nicht minutiös dokumentiert, könnte ein Chronist an den Schilderungen von der Behrmann-Tochter zweifeln. Eine englischsprachige Zeitung berichtete am 10. Oktober 1922 über den dramatischen Vorfall, den „brave act“, an Bord der „Muansa“. Danach geriet das Frachtschiff vor dem südafrikanischen Cape Morgan in einen Zyklon. Der Sturm riss die Decksladung vom Schiff, die Antenne vom Mast, sodass keine Hilfe gerufen werden konnte. „The severity of the gale encountered by the Muansa …was such that the vessel became unmanageable“, so der Chronist von 1922. Das war die Stunde des damaligen vierten Offiziers, Sven Behrmann. Die See tobte, das Schiff krängte, die Ladung drohte zu verrutschen. Behrmann riskierte sein Leben und befestigte die Antenne am Mast. So konnte S.O.S. gefunkt und Hilfe herbeigerufen werden. Schiff und Besatzung erreichten den Hafen sicher.

„This brave act“ 

Für den Frachter und die Männer an Bord war das nicht die erste Bewährungsprobe. Nur drei Jahre nachdem die „Muansa“ von der Bremer Vulkan Werft an die Deutsche Ost-Afrika-Linie (DOAL) geliefert worden war, brach der Erste Weltkrieg aus. Die Besatzung brachte das Schiff in Argentinien in Sicherheit.

1920, der Weltkrieg ist seit zwei Jahren beendet, wird die „Muansa“ nach Deutschland zurückgeschleppt. In Hamburg wird sie wieder instandgesetzt, um dann an die Sieger des Krieges ausgeliefert zu werden. Doch die DOAL kauft das Schiff unverzüglich zurück – das einzige Schiff der Reederei, das vor der Auslieferung zurückgekauft wird. 

Georg Johannes Behrmann, Leiter der Kosmos-Linie und Vater von Sven Behrmann. Die Ehefrau Bertha stammte aus Norwegen 
Georg Johannes Behrmann, Leiter der Kosmos-Linie und Vater von Sven Behrmann. Die Ehefrau Bertha stammte aus Norwegen 
Die nach einem Ort am Victoria-See benannte „Muansa“ war 128 Meter lang und knapp 17 Meter breit. Nach dem Rückkauf ist sie das einzige Vorkriegsschiff der Reederei, das zur DOAL zurückkehrt. Es ist diese Zeit, in der Sven Behrmann seine Offizierskarriere an Bord der „Muansa“ beginnt. „Mit 15 Jahren verließ er sein Zuhause, später beherrschte er 14 Sprachen“, erzählt die stolze Tochter Adda.

Tatsächlich muss Sven Behrmann ein ungewöhnlicher Mann gewesen sein. Denn die Reederei schreibt später an ihn, er arbeitet für die DOAL: „Lieber Herr Kapitän Behrmann, Sie sind bei uns in der Nautischen Abteilung bisher als Offizier geführt worden. Da aber die Tätigkeit, die Sie seit Jahren zu unserer Zufriedenheit ausüben, einer Schiffsführung gleichwertig ist und da Sie außerdem nach Ihrem Dienstalter nunmehr befördert würden, ermächtigen wir Sie, sich von jetzt an Kapitän zu nennen. Wir werden Sie unter dieser Bezeichung auch in unseren Listen führen.“

Plakat von 1927 für die Woermann-Linie mit eingetragenen Routen der Reederei 
Plakat von 1927 für die Woermann-Linie mit eingetragenen Routen der Reederei 

Taufschein für die Behrmann-Tochter Adda, die im September 1957 mit der „Ubena“ den Äquator überschritten hatte 
Taufschein für die Behrmann-Tochter Adda, die im September 1957 mit der „Ubena“ den Äquator überschritten hatte 
Das Schreiben wurde am 3. Dezember 1935 im Afrikahaus an der damaligen Großen Reichenstraße aufgesetzt und in die Post gegeben. Wie lange der Brief nach Durban brauchte, kann nur vermutet werden.

Zu diesem Zeitpunkt ist die „Muansa“ bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges das einzige Frachtschiff der DOAL im Liniendienst.

Am 26. August 1939 läuft die „Muansa“ auf ihrer letzten Friedensreise aus Monrovia kommend in Hamburg ein. Danach wird sie als Truppentransporter bei der Besetztung Norwegens eingesetzt. Am 7. April 1940 verlässt der Frachter Stettin mit Kurs Oslo. Während andere, so der ehemalige Walfänger „Rau 6“, torpediert werden, trifft die „Muansa“ unbeschädigt in Oslo ein.

Das Rückwandereramt bewilligt Kriegshilfe 

Sven Behrmann, 1979. Der fast 80-Jährige wohnt zu dieser Zeit in der Auguste-Baur-Straße in Blankenese 
Sven Behrmann, 1979. Der fast 80-Jährige wohnt zu dieser Zeit in der Auguste-Baur-Straße in Blankenese 
Es ist das Geburtsjahr von Adda Behrmann, der Vater wird in Johannesburg interniert und erst 1944 freigelassen. Laut „Kriegshilfe“-Dokument des „Rückwandereramtes“ in Berlin wird Behrmann seit August 1944 betreut. Gemeldet ist der langjährige Seemann und Havarieexperte damals in Blankenese, am Strauchweg 12.

Und die „Muansa“? Das 5.408-BRT-Schiff liegt zu diesem Zeitpunkt rund sechs Seemeilen nordöstlich vom Leichtturm Kjolness am Meeresboden. Das sowjetische U-Boot „L 20“ hat es torpediert und auf der Sven Oskar Behrmann, der diese Persönlichkeit entscheidend mitprägte, starb 95-jährig in einem Blindenheim in Ratzeburg. Sein Andenken hält die Tochter Adda nicht nur in einem prall mit Bildern, Dokumenten und Gedichten gefüllten Ordner wach. 

Autor: uwe.petersen(at)kloenschnack.de 
Alle Fotos privat  

Haspa

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