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„Hier ist es ein bisschen rauer“

INTERVIEW DES MONATS 

„Hier ist es ein bisschen rauer“

Sagen Sie mal …
… Thomas Collien und Ulrich Waller vom St. Pauli Theater

Der Klönschnack traf die Macher des St. Pauli Theaters, den Geschäftsführer und den Künstlerischen Leiter, in einem Raum mit Blick auf die Reeperbahn. Mit teils entsprechenden Themen.

Die zwei Macher vom St. Pauli Theater: Thomas Collien und Ulrich Waller
Die zwei Macher vom St. Pauli Theater: Thomas Collien und Ulrich Waller
Herr Collien, Herr Waller, bereits mittags Biertrinker auf der Straße, Schaufensterauslagen mit Hieb- und Stichwaffen. Ist das auch eine Quelle der Inspiration?

Thomas Collien: Ich bin in Blankenese aufgewachsen. Auch da gibt es ein Geschäft, welches Waffen verkaufte, und Drogenhandel in den 80ern.

Ulrich Waller:
St. Pauli ist auf der ganzen Welt berühmter als Hamburg. Für Touristen ist es ganz normal, dass es hier ein bisschen rauer zugeht als anderswo. Die erwarten hier auf dem Kiez doch solche Geschäfte. Ein Geschäft für Babymoden würde sie irritieren.

Thomas Collien: Wir haben gleich nebenan unsere eigene Wache, die gab es zeitgleich 1841 mit dem Theater. Also fühlen wir uns hier sehr sicher und gut aufgehoben.

Künstler sind auch Ästheten … Thomas Collien: Ich bin zum Segen kein Künstler (lacht).

Ulrich Waller: Als ich von der Hartungstraße hier vor 15 Jahren auf den Kiez gekommen bin, war klar, dass das Theater hier ein bisschen kräftiger, robuster sein muss als im Grindelviertel. Hier kann die Kunst nicht zu zart besaitet auf die Bühne gehen.

Eine größere Diskrepanz als die Hartungstraße und die Reeperbahn lässt sich in Hamburg kaum vorstellen.

Ulrich Waller: Angefangen habe ich am Schauspielhaus, das liegt auch in einer Gegend, die nicht so zart besaitet ist. Schon damals, Anfang der 80er Jahre, sind wir nachts immer auf den Kiez gefahren, um in Clubs zu gehen wie das Chicago am Hans Albers Platz. Schon damals habe ich davon geträumt, eines Tages einmal hier zu arbeiten. Ich dachte, wer es hier schafft, der schafft es auch woanders. Als Thomas dann auf mich zukam, dachte ich: Jetzt bin ich da angekommen, wo ich immer hinwollte.

„Es ist toll, dass es einen Ort gibt, an dem sich Mesnchen versammeln.“


Schon häufiger in der Geschichte wurde der Niedergang St. Paulis beklagt. Wie erleben Sie die derzeitige Diskussion über die angebliche Ballermannisierung des Kiezes?

Thomas Collien: Ich sehe das sehr gelassen. St. Pauli hat bisher jeden Trend überlebt. Schon häufig hat es den Aufschrei gegeben, hier ginge niemand mehr hin. Mal waren es Bandenrivalitäten, mal gab es andere Gründe. Dabei verändert sich St. Pauli sehr schnell. Auf das Kiosk-System und Schnell-Abfüllgeschäft muss man nun reagieren. Aber deshalb ist der ganzte Stadtteil nicht bedroht. Etwa hier am Spielbudenplatz hat sich viel verändert. Es ist in den letzten Jahren eine Perlenkette von Theatern entstanden. Auch mit dem Drogenhandel hatte man hier zu tun, dann war er eher am Hauptbahnhof, jetzt ist er hier wieder mehr. Der Wandel hier ist stetig. Dabei muss man die Probleme, wie jetzt die Billiganbieter mit dem harten, schnellen Alkohol, ernstnehmen.

Thomas Collien: Wer duhn ist und vorgeglüht hat, der schafft es auch nicht durch die Theatertür. Der kommt ohnehin nicht auf den Kiez, um ins Theater zu gehen.

Ulrich Waller: Hier ist eben ordentlich was los. Mit ganz unterschiedlichen Besuchern. Da sind Theatergänger, normale Gäste, rivalisierende Fußballfans, Junggesellenabschiede, Konzertgänger und eben Leute, die sich nur volllaufen lassen. Da kommt es zwangsläufig zu Reibereien.

Sie sehen das insgesamt eher als Folklore?

Ulrich Waller: Ich finde es toll, dass es einen Ort gibt, an dem sich Menschen, die sich verngügen wollen, versammeln. In vielen anderen Städten gibt es das gar nicht. Ein Quartier, in dem sich Menschen das ganze Jahr über treffen.

Inwieweit spiegelt sich das Geschehen um Sie herum auf der Bühne wider?

Thomas Collien: Wir haben uns viel mit diesem Thema auseinandergesetzt. Stücke wie die „Nachttankstelle“ zeigen das. „Lust“ ist auch ein Stück mit lokalem Hintergund. Wir bringen immer wieder die Reeperbahn auf die Bühne. So war „Ricky“ eine Reaktion auf „Rocky“.

Ulrich Waller: Wir haben immer versucht, auf den Stadtteil zu reagieren. Vor 15 Jahren haben wir mit einer Revue über die Reeperbahn, also die Geschichte dieser Straße, begonnen. Hamburg und seine Geschichte sind immer wieder Thema. So wie etwa das Musical Linie S 1 oder Hamburg-Royal.

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Sie sind beide seit Jahrzehnten mit dem Theater vertraut. Was kann Bühne heute noch leisten?

Ulrich Waller: Mit Theater kann man nicht die Welt verändern. Aber wenn man es schafft, dass der Theaterbesucher das Haus etwas sensiblisierter für ein Thema verlässt, dass sie neu über Dinge nachdenken, ist schon viel erreicht. Es kann natürlich auch sein, dass er in seinen Vorurteilen bestätigt wurde. Unser Anspruch ist, Menschen erst einmal gut zu unterhalten. Die Leute sollen einen inspirierenden Abend erleben.

Nun wird in Deutschland gern zwischen niveauvoller und lockerer Unterhaltung unterschieden. In anderen Ländern sieht man das entspannter.

Ulrich Waller: Den Unterschied zwischen U- und E-Kultur gibt es nur in -Deutschland. Und das erst seit der Nazi-Zeit. Vorher kannte man das nicht. Das ist ein deutsches Problem. Ein Satz wie: Ich habe unter meinem Niveau gelacht, gibt es in keiner anderen Sprache. Für Unterhaltung wird sich in Deutschland immer ein bisschen geschämt.

Thomas Collien:
Es gibt im Englischen die Unterscheidung zwischen Boulevard und well-made play. Boulevard ist eher grob, well-made steigt tiefer ein. Eine sehr gute Beschreibung. Genau das wollen wir hier an unserem Theater zeigen, wie clever Unterhaltung sein kann.

Ulrich Waller und Thomas Collien im Gespräch mit Helmut Schwalbach (Mitte)
Ulrich Waller und Thomas Collien im Gespräch mit Helmut Schwalbach (Mitte)
Da wir beim angelsächsischen Theater sind. Ein so großes Maß an Subventionen wie bei unseren Staatstheatern gibt es selten.

Thomas Collien: Das Subventionierungssystem wurde dort heruntergefahren. Dabei wurden die besten Häuser weiter erhalten. Das anspruchsvolle Theater wurde und wird durch Subventionen erhalten.

Wurmt es Sie, dass unsere Staatstheater so hoch alimentiert werden, unabhängig von den Zuschauerzahlen?

Ulrich Waller: Die Staatstheater machen etwas anderes als wir. Sie haben einen Bildungsauftrag, den sie erfüllen müssen. Sie müssen sich um die Entwicklung der Gegenwartsdramatik kümmern. Das geht an uns vorbei, denn zur Zeit gibt es kaum deutsche Dramatiker, die für unser Publikum schreiben. Das ist der fatale Einfluss der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die keine Dialoge mehr schreibt, sondern nur Textflächen auf den Tisch kotzt und dabei eine ganze Generation von Schriftstellern versaut hat, weil die wiederum unbedingt ins Feuilleton wollen, statt das Publikum zu suchen. Der Ehrgeiz der Autoren, für ein breiteres Publikum zu arbeiten, ist so verloren gegangen. Sie gehen lieber ins Fernsehen.

Herr Waller, Herr Collien, der Klönschnack dankt für das Gespräch.

Fragen: helmut.schwalbach(at)kloenschnack.de

www.st-pauli-theater.de

Klinik Dr. Guth der Klinikgruppe Dr. Guth

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