Home / Magazin / Gesellschaft / Die Sinnlichkeit des Schreibens

ANZEIGE

Die Sinnlichkeit des Schreibens

SCHREIBEN

Die Sinnlichkeit des Schreibens

GASTKOLUMNE: Gerd Bostel

Gerd Bostel, Ex-Marketingchef international Montblanc
Gerd Bostel, Ex-Marketingchef international Montblanc
Das hektische Tippen mag effizient sein, schön ist es nicht. Ex-Montblanc-Mann Gerd Bostel über das bedachtsame Abwägen und Schreiben mit dem Füllfederhalter.

Wer schreibt, der bleibt“ ist eine häufig angewandte Redensart, die gern – ironisch gemeint – beim Notieren von Spielergebnissen seine Verwendung findet. Wie schade eigentlich. Denn der Kern der Aussage hat im Grunde ja einen mehr als ehrenwerten Hintergedanken. Etwas Aufschreiben, um es der Nachwelt zu hinterlassen, neues Wissen oder neue Erkenntnisse für kommende Generationen zu dokumentieren, ist sicherlich der wahre Hintergedanke dieser Aussage.

Gerade heutzutage wird so viel geschrieben wie vermutlich nie zuvor. Moderne Kommunikationstechnik und sogenannte „Messengerdienste“ machen es problemlos, schnell und jederzeit möglich. Und schaut man sich in der Öffentlichkeit um, werden diese Dienste auch heftig genutzt. Gerade unsere jugendlichen Mitbürger sind heute fast nur noch „einhändig“ unterwegs. In der anderen Hand scheint das obligatorische Smartphone wie festgewachsen. Es herrscht ein geradezu unbändiges Mitteilungsbedürfnis und es stellt sich mir oft die Frage, was alles so dringlich und bedeutungsvoll ist, dass man es sofort und jederzeit einer größeren Schar von Freunden und Bekannten übermitteln muss?

Hier spreche ich aus eigener Erfahrung. Mit welchen Belanglosigkeiten und Unsinn man tagtäglich über WhatsApp, SMS oder E-Mail bombardiert wird, ist oftmals unerträglich und ärgert einen mehr, als dass es einen erfreut.

Nun sollte man die moderne Technik aber nicht verfluchen. Sie ist in gewissem Sinne auch eine große Errungenschaft und trägt ganz wesentlich zu einem bequemeren und komfortablen Miteinander bei. Aber ich appelliere an den richtigen und besonnenen Umgang mit ihr. Ich erinnere mich an Zeiten, wo der PC Einzug in unseren beruflichen und privaten Alltag hielt. In dieser Zeit erlebte die Kultur des Handschreibens erstaunlicherweise eine fast unerwartete Renaissance. Schreibgerätemarken wie z.B Montblanc erfuhren einen neuen Aufschwung. Denn die Technisierung nahm so schnell Besitz von unserem täglichen Tun, dass viele mit diesem Wandel nicht Schritt halten konnten und sich überfordert fühlten. Man sehnte sich nach dem Einfachen. Und was ist einfacher als ein weißes Blatt Papier und ein Stift. Keine komplizierte Tastenkombination, keine Zwischenspeicherung und sonstige Notwendigkeit. Nur man selbst und seine eigenen Gedanken.

Man sollte sich auch heute öfter mal an diese Nostalgie erinnern. Was gibt es Individuelleres und Persönlicheres als eine handschriftliche Notiz, einen handgeschriebenen Brief. In dieser schnelllebigen Zeit bedeutet es doch „ich nehme mir Zeit für Dich, Du bist es mir wert“. Ein handgeschriebener Brief, eine kleine Danksagung sind nicht einfach schnell mit der Delete-Taste zu löschen. Sie lösen beim Empfänger in der Regel nicht nur Freude, sondern auch die Überlegung aus, wie man auf diese Geste persönlicher Wertschätzung reagiert.

„Ich apelliere an den richtigen und besonnenen Umgang mit der modernen Technik.“
Eine handgeschriebene Note ist eben ein besonderes Stück Papier. Insbesondere dann, wenn sie mit einem Füllfederhalter geschrieben wurde. Mit diesem Schreibgerät in der Hand überlegt man sich schon vorher genau, was man eigentlich zum Ausdruck bringen will. Diese Bedenkzeit kommt konsequenterweise dem Inhalt zugute und führt zwangsläufig zu gehaltvolleren, niveauvolleren Schriftstücken. Zudem schreibt sich mit einem Füllfederhalter notgedrungen auch langsamer, was wiederum dem Schriftbild sehr zuträglich ist und dem Papier so eine spezielle Ästhetik verleiht. Aber mit der Hand – speziell einem Füllfederhalter – zu schreiben, ist auch für einen selbst ein besonderes Vergnügen. Das Ritual, den Füllfederhalter erst einmal aufschrauben zu müssen, der Geruch der Tinte auf dem Papier und das Geräusch, wenn die Feder geschmeidig über das Blatt gleitet – für mich ein fast sinnliches Vergnügen. Eine Emotion, die mir weder Laptop, iPad oder Smartphone bisher vermitteln konnten. Von den stets anerkennenden Worten und Kommentaren von Freunden und Bekannten, die zu verschiedenen Anlässen gelegentlich mal einige handschriftliche Zeilen von mir erhalten haben, einmal abgesehen.

In der Vergangenheit fühlte ich mich während meiner beruflich bedingten Reisen öfters beobachtet, wenn ich mir am Flughafen oder Flugzeug schnell noch einige Notizen gemacht habe. Aus Gewohnheit natürlich mit Füller. Für mich immer neugierige Blicke, die ich selbst nicht als „was für ein Spinner oder Angeber“ dechiffrierte, sondern eher als die Überlegung „Wo habe ich meinen Füller eigentlich hingelegt, muss ich auch mal wieder rausholen etc.“ Vielleicht lösen diese Zeilen beim ein oder anderen ja ähnliche Reaktionen aus. Mich würde es freuen und wie bereits erwähnt, die Aufmerksamkeit und Anerkennung ihres Umfelds wird Ihnen sicher sein. In diesem Sinne folgen Sie dem alten Werbespruch der Post: Schreib mal wieder – aber bitte mit der Hand! Gerd Bostel

Über Hamburger Klönschnack