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Der Kitt der Region 

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Der Kitt der Region 

GASTKOLUMNE: KATY KRAUSE Lokaljournalismus 

Katy Krause, 34, ist Redakteurin des Hamburger Abendblattes, Redaktion Elbvororte mit Sitz in Blankenese
Katy Krause, 34, ist Redakteurin des Hamburger Abendblattes, Redaktion Elbvororte mit Sitz in Blankenese
Als Redakteurin des Hamburger Abenblatts kennt Katy Krause Höhepunkte und Niederungen des Lokalen Journalismus. Sie ist der Ansicht: Journalisten und Leser brauchen sich nach wie vor.

Lokaljournalismus, das klingt für einige nach piefiger Provinz. Mancher denkt vielleicht ans „Käseblatt“, das die Eltern oder Großeltern so gerne lesen, voller Berichte über Ehrungen und Vorstandssitzungen. Auch einige Redakteure packt die nackte Angst. Erinnerungen an den ersten Bericht über den Hasenzüchterverein werden wach. Will doch der eine oder andere viel lieber mit den „Großen“ an einem Tisch sitzen, über „Weltbewegendes“ berichten. Was für ein Unsinn. Lokaljournalismus bewegt. Er ist der Kitt einer Region, bringt Menschen zusammen, mobilisiert. Lokaljournalismus bedeutet, sich in Untiefen zu begeben, in Dreck zu wühlen, Themen aus Hinterzimmern zu holen. Es kann in manchen Fällen heißen, denen Gehör zu verschaffen, die man sonst nicht hören würde. Lokaljournalismus bedeutet beispielsweise auch, über den Geburtstag einer 110-Jährigen zu schreiben – und so eine wundervolle Frau kennenzulernen. Lydia Smuda lebt in einem Altenheim an der Isfeldstraße. Sie ist die älteste Hamburgerin. Noch beeindruckender ist, dass die zierliche Dame ein riesiger Boxfan ist. Ihr größter Wunsch: einmal Wladimir Klitschko zu treffen. Nachdem Klitschko durch den Zeitungsbericht davon erfuhr, besuchte das Schwergewicht die alte Dame tatsächlich im Altersheim. Es wurde für alle Beteiligten sehr emotionales Treffen.

„Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit in der man lebt!“, schrieb Egon Erwin Kisch. Er gilt als einer der bedeutendsten Reporter in der Geschichte des Journalismus. Zu Recht. Denn Kisch (1885–1948) erkannte, was heute umso wichtiger erscheint. Es kommt nicht darauf an, worüber man schreibt, sondern wie man es schreibt. Leidenschaft, Sachlichkeit und der Wille zur Wahrheit sind das Rüstzeug eines Journalisten. Aber den richtig guten Reporter erkennt man daran, dass er erleben will. Er ist nah an den Geschichten und vor allem nah an den Menschen. Genau das zeichnet den Lokaljournalisten aus.

„Es wird immer ein Interesse an gut geschriebenen Geschichten über Menschen geben …“
Damit formulierte Kisch vor knapp 100 Jahren, wie der Journalismus der Zukunft funktionieren kann. Im Lokalen, im Menschlichen liegt die Stärke. Auch wenn es kein Interesse mehr an der Papierzeitung gibt – und das muss sich erst einmal zeigen, man bedenke nur die unerwartete Renaissance der Schallplatte –, wird es immer ein Interesse an gut geschriebenen Geschichten über Menschen geben. Ereignisse vor Ort werden auch zukünftig mehr berühren als die nächste EU-Verordnung.

Durch Globalisierung und Digitalisierung verbreiten sich Nachrichten heute irrsinnig schnell – egal ob sie wahr sind oder nicht. Die Verbreitungswege sind zahlreicher geworden. So erreicht man auf der einen Seite mehr Menschen, aber die Aufmerksamkeitsspanne ist auch deutlich niedriger geworden. Wenige nehmen sich die Zeit, die Quelle zu prüfen, teilen so ungewollt über soziale Medien „Fake-News“, die auch als politische Waffe fungieren. Deshalb braucht es Medien, denen wir vertrauen. Und Vertrauen braucht Nähe.

Wären wir Journalisten näher dran gewesen, hätten wir während der Flüchtlingskrise ein besseres Bild abgegeben. Wir hätten die Ängste derer besser gespürt, die sich politisch und medial abgehängt fühlten und sich abwandten. Damals ging viel Vertrauen verloren. Wir müssen Acht geben, dass wir den Anschluss an bestimmte Gruppen nicht verlieren.

Da ist es gut, dass es Medienhäuser gibt, die in Nähe investieren. Das Hamburger Abendblatt verfügt nun über eine Regionalredaktion in Blankenese. Von hier aus wird die neue Elbvororte-Seite bestückt. Aus der Region für die Region. Ein Pilotprojekt. Eine Tür weiter sitzen die Kollegen vom KLÖNSCHNACK. Ich erwähne sie nicht, weil wir alle zu einem Unternehmen gehören, sondern weil das Stadtteilmagazin jeden Monat den Beweis antritt, dass Lokaljournalismus seine Berechtigung hat. Denn noch bevor der KLÖNSCHNACK druckfrisch in der Redaktion landet, stehen Leser am Empfang, um sich ein Exemplar zu holen. Das ist Leser-Blatt-Bindung.

Es bedeutet nicht den Tod des Journalismus, wenn die Menschen nicht mehr zur Zeitung greifen. Es ist egal, in welcher Form die Geschichte beim Leser landet. Tödlich dagegen ist es, wenn die Journalisten nicht mehr auf die Straße gehen, aufhören hinzusehen, zuzuhören, wenn sie nicht mehr der Sachlichkeit dienen und nicht mehr die Wahrheit suchen.

Katy Krause

Über Hamburger Klönschnack