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Ein unscharfer Fall

BEMERKENSWERTES 

Aus dem Amtsgericht
Ein unscharfer Fall

Häufiger als vermutet kommt es in Gerichten zu Freisprüchen FOTO: ©STAUKE-FOTOLIA.COM
Häufiger als vermutet kommt es in Gerichten zu Freisprüchen FOTO: ©STAUKE-FOTOLIA.COM
Statt einem kommen an diesem Tag drei Angeklagte in den Gerichtssaal. Harte Jungs, zwei von ihnen tätowiert, teilweise im Gesicht. Sie tragen ein freundliches Lächeln und kleine Wohlstandsbäuche, grüßen und setzen sich vor die Richterin. Die Anklageschrift ist schnell verlesen: Sachbeschädigung.

Den Angeklagten Tobias Leining* (28), André Bäcker* (23) und Nils Duhle* (23) wird vorgeworfen, im September 2016 am Blankeneser Leuchtturm nach dem Genuss von Schnaps und Bier ein Fahrrad demoliert zu haben. Von Urinieren gegen den Rahmen und zahlreichen Tritten, die das Fahrrad zerstörten, ist die Rede. Gesamtschaden: 180 Euro. Nachdem die Besitzer der Räder zum Tatort kamen, soll es zu Rangeleien gekommen sein. Die drei Angeklagten sind sich einig: Mit der ihnen vorgeworfenen Sachbeschädigung hatten sie nichts zu tun. „Das war Alexander*“, so Leining, „der wird schnell aggressiv, wenn er getrunken hat.“ Eine ganze Flasche Whiskey habe dieser ehemalige Freund intus gehabt, der nun nicht unter den Angeklagten war. „Wir haben Lärm gehört und gesehen, wie er gegen das Fahrrad getreten hat“, so die Verlobte Leinings im Zeugenstand. Alexander Thomsen sei schwer zu bändigen gewesen, die Angeklagten hätten ihn nur zurückgehalten.

„Da war so ein kleinerer Mann, der mich fragte, ob ich ein paar auf’s Maul haben will“, erinnert sich der Zeuge Christoph Fischer* (27). Das sei jedoch alles, woran er sich genau erinnern könne. Von einem Handgemenge habe er nichts mitbekommen, wie viele Personen zu der Gruppe gehörten, wisse er nicht, es sei zu dunkel gewesen. Auch die Verlobte des Angeklagten weiß nichts mehr so genau. „Ich bin mit einer Freundin vorgegangen, mehr als Geschrei habe ich gar nicht mitbekommen!“ Es wäre vorschnell, die Erinnerungslücken auf den Alkohol zu schieben, denn auch der Polizist, der an diesem Abend zum Tatort gerufen wurde, weiß ebenfalls wenig: „Es gab wohl eine Rangelei. Irgendwer hat irgendwas abgekriegt. Wie genau sich das ereignete, weiß ich nicht … das ist schon so lange her!“

Hoffnungsträger ist nun ein letzter Zeuge, der laut Aussage des Geschädigten an der Rangelei beteiligt war. Dieser kam aufgrund des kollabierten Nahverkehrs zu spät. Nach Ankunft erklärt er, er wisse nicht genau, was passiert sei. „Ich habe das nur gehört. Ich saß mit dem Rücken zu den Rädern.“ Zur Entstehung der Rangelei sagte er schulterzuckend: „Na ja, wie das eben so ist. Die Gruppe wollte abhauen, ein Freund wollte sie aufhalten und dann wurde geschubst.“

Die Staatsanwältin plädiert auf Freispruch, da nicht nur die Angeklagten, sondern auch die Zeugen einen anderen Mann belasten. Dieser suchte nach der Rangelei das Weite und muss auf ein eigenes Verfahren gefasst sein. Die Richterin sprach alle drei frei. JR                   *Namen geändert

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