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Klönschnack: Aus den Elbvororten
HEFT 05/05
Aus den Elbvororten:
GROSS FLOTTBEKER SEE

„Neutrale Erschütterungen...“

 

„Verschiebungen“ sind Ursache der kleinen Erdbeben, die vor Jahrzehnten den Bahrenfelder und Groß-Flottbeker See hinterließen – eine Spurensuche nach den Idyllen und Feuchtbiotopen jener Tage.

Beben der Stärke 4,6
erschüttert Seestraße!“ titelten die Medien am 9. April 2000. Immer mal wieder bebt die Erde unter der Seestraße, schrecken die Menschen aus dem Schlaf, fallen Gläser und Tassen aus den Schränken, zeigen sich Risse in den Wänden, so z.B. am 29. September und 6. Oktober 1929, am 10. Januar 1938, aber auch am 8. April 2000 geschehen. Die Ursache ist einfach erklärt:
Unter Teilen von Groß-Flottbek, Bahrenfeld und Othmarschen befindet sich ein Zechstein-Salzstock, der sich bis nach Langenfelde zieht. Bei Bohrungen in Bahrenfeld wurden die Salzlager in 250 Meter Tiefe erreicht. Die über dem Salz befindlichen Dachgebirge aus Gips und Ton treten an manchen Stellen bereits in 26 Meter Tiefe auf (festgestellt in der ehemaligen Tongrube von Kallmorgen in Langenfelde).
Durch Auswaschungen entstehen Höhlungen in den Salzstöcken, die irgendwann einstürzen. Solche Einbrüche empfindet der Mensch als Beben. Der Fachmann nennt sie „Verschiebungen“, ihre Auswirkung „energiearme neutrale Erschütterungen“. Mit anderen Worten: kein Grund zur Aufregung?
Von wegen! Sichtbare Resultate solcher „Verschiebungen“ waren gleich drei Einbruchs-Krater im Hamburger Westen! Der Bahrenfelder See, der Groß-Flottbeker See und ein Erdeinbruch, der am 24. Januar 1834 an der Ecke Baur-/Giesestraße entstand.
Auch der Groß-Flottbeker See war also ein mit Wasser gefüllter Krater. Teils verlandete er, teils nutzte man ihn als Kippe für Hausmüll und Industrieabfälle. Ottensener Glasfabriken beispielsweise entsorgten hier Fehlproduktionen und Glasschrott, eine Gasanstalt die anfallende Asche. Aber auch Patentverschlüsse von Bier- und Brauseflaschen wurden und werden in großen Mengen im Bereich des ehemaligen Sees gefunden, sobald man etwas tiefer gräbt. Seit etwa 1910 existiert er nicht mehr.
Wo lag dieser „Groß-Flottbeker See“ genau?
Noch heute kann man eine Mulde erkennen, eingerahmt von Osdorfer Landstraße – Seestraße – nördlicher Grundstücksgrenze Wollsteinkamp – östlicher Grundstücksgrenze Viereck!
Ab 1905 entstanden am Rand des verlandenden Sees größere Wohnhäuser (Seestraße No. 23 bis 29). Vermutlich war der Baugrund hier – dicht am alten See und einer damals existierenden „Schietkuhle“ – günstig zu erwerben.  
Um diese Zeit wohnte auf dem hoch liegenden Eckgrundstück Osdorfer Landstraße/Seestraße ein alter Lumpensammler namens Rehder mit seinen zwei Neufundländern. Er lebte buchstäblich von dem, was ihm vor die Füße geworfen wurde. Nach seinem Tod kurz nach dem 1. Weltkrieg wurde die altersschwache Reetdach-Kate abgerissen und an deren Stelle das heutige große Backsteingebäude errichtet, das über viele Jahrzehnte zwei Läden der „Produktion“ beherbergte (heute: Kindertagesheim und Ausstellung einer Fenster- und Türenfirma).
Bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts bildete sich nach Schneeschmelzen oder heftigen Wolkenbrüchen eine großflächige Pfütze im Kernbereich des früheren Sees. Die undurchlässige Tonschicht unter Müll und Mutterboden verhinderte ein rasches Versickern der Wassermassen.
1975 wurde ein Teilbereich des ehemaligen Sees mit einer meterhohen Erdlage überdeckt
und eine Stichstraße gebaut. Eine Pfahlgründung stabilisiert den Neubau Seestraße Nr. 29 bis 33.
Wenn in Groß-Flottbek die Erde demnächst einmal wieder bebt und Gläser klirrend zerspringen, können Sie Ihre Nachbarn beruhigen: Keine Panik, es handelt sich nicht um ein Erdbeben, sondern nur um eine „energiearme neutrale Erschütterung“!